Antisemitismus

Basics

Begriffsklärung

Antisemitismus bezeichnet Einstellungen, Äußerungen und Handlungen, die sich – direkt oder indirekt – gegen (vermeintlich) Jüdische Menschen, Institutionen und Einrichtungen richten. Antisemitismus hat unterschiedliche Erscheinungsformen und funktioniert unabhängig vom Verhalten Jüdischer Menschen; er ist eine Projektion derjenigen, die antisemitisch eingestellt sind. Im antisemitischen Weltbild wird »den Juden« die Verantwortung für gesellschaftliche Probleme, Konflikte und Ängste zugeschoben.“

Auch eigene Wünsche (z.B. Macht, Geld), die möglicherweise selbst nicht verwirklicht werden können, können auf das Feindbild der Jüd:innen übertragen werden. Jüd:innen werden dann dafür gehasst, dass sie diese Wünsche vermeintlich verwirklichen können und daran schuld seien, dass die anderen Menschen diese Wünsche nicht erfüllen können.

Einige Jüd:innen lehnen den Begriff »Antisemitismus« ab, weil er zum einen durch Antisemiten als stolze Selbstbezeichnung populär wurde, zum anderen, weil das Konzept der »Semiten« an sich schon anti-jüdisch und rassistisch ist. Deswegen verwenden diese Jüd:innen Alternativen wie »Jüd:innenhass«, »Jüd:innenfeindlichkeit« oder »Risches«, das jiddische Wort für Antisemitismus.“, ergänzt Debora Antmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Jüdischen Museum Berlin, politische Bildnerin, Autorin und Kolumnistin.

Quellen: Antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit – Ein Glossar der Antonio Amadeu Stiftung

vgl. auch Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert – Artikel des bpb

Die Frage danach, wer jüdisch ist, ist auch innerhalb jüdischer Diskussionen eine sehr komplexe Debatte. In Deutschland gibt es – auch unter nicht-jüdischen Menschen – eine sehr starke Fokussierung auf das jüdische Religionsgesetzt – die Halacha. Dies hat in der Bundesrepublik ein sehr orthodox-religiöses Verständnis von Jüdisch-Sein zur Folge. Die Halacha definiert Menschen mit einer jüdischen Mutter als jüdisch. Im Alltag vieler Jüd:innen spielt jedoch Sozialisation eine viel größere Rolle. In den meisten Ländern außer Deutschland, gelten deswegen aus einer kulturellen Perspektive heraus auch Jüd:innen mit einem jüdischen Vater als jüdisch. Denn: nicht alle Jüd:innen sind religiös, verstehen sich aber trotzdem als Teil einer jüdischen Gemeinschaft. So ist Judentum auch in Deutschland für viele Jüd:innen eher eine kulturelle Identität, statt eine religiöse Zugehörigkeit.

Quelle: Jüdischer Feminismus 101 – Debora Antmann, 2017

Oft nehmen wir gar nicht wahr, dass Dinge, die für uns selbstverständlich sind, deswegen noch lange nicht „neutral“ sind. Zum Beispiel, dass die meisten von uns sonntags frei haben oder in welchem Jahr wir uns befinden. All diese Dinge sind Teil christlicher Dominanzkultur. So weiß zum Beispiel jede jüdische Person, welches Jahr es nach christlicher Zeitrechnung ist, weil sie gemeinhin als „DER“ Kalender verstanden wird, während die wenigsten nicht-jüdischen Menschen aus dem Stehgreif wüssten, in welchem Jahr wir uns nach jüdischer Zeitrechnung befinden.

Dominanzkultur hat zur Folge, dass alles, was nicht dieser Kultur entspricht zum „Anderen“ oft sogar zum „Fremden“ gemacht wird. So erleben auch viele Jüd:innen ihren Alltag. Während christlich sozialisierte Menschen selbstverständlich an Weihnachten nach Hause fahren oder zu Ostern Schokoladen-Eier naschen, wird jede Ausübung jüdischer Kultur als religiöser Akt interpretiert. Es gibt nicht das gleiche Verständnis von Normalität, sondern wird automatisch zum bedeutungsaufgeladenen Ritus. Das wäre, als würde man automatisch annehmen, jede Person, die Weihnachten feiert oder den Ohrwurm von einem Weihnachtslied hat, sei strenggläubige:r, praktizierende:r Christ:in.   

Noch etwas anderes wird an dem Beispiel Feiertage deutlich: Dominanzkultur versteht alles nur in Relation zu sich selbst. So wird Hanukka plötzlich zum jüdischen Weihnachten und Pessach ist wie Ostern.

Es ist wichtig sich bewusst zu machen, dass niemand neutral in der Welt steht. Sondern: je „neutraler“ wir uns fühlen, desto wahrscheinlicher sind wir Teil der normalisierten Dominanzkultur und desto schneller laufen wir Gefahr in Form von Mikroaggressionen Andere zu „othern“ – so zum Beispiel Jüd:innen.

Quelle: Debora Antmann – für Diversify!

 

Holocaust (aus altgriech. ὁλόκαυστος holókaustos, deutsch vollständig verbrannt) bezeichnet die systematische, massenhafte Ermordung von circa sechs Millionen Jüd:innen und anderen Minderheiten durch die Nationalsozialist:innen zwischen 1933-1945. Eingeführt wurde der Begriff 1979 als Titel der amerikanischen Fernsehserie „Holocaust– Die Geschichte der Familie Weiß“, die auch in Deutschland sehr populär war. Daraufhin übernahmen deutsche Politiker:innen diesen Begriff z.B. im Deutschen Bundestag. Vorher wurde vom „Völkermord an den europäischen Juden“ gesprochen. 

Manche Jüd:innen lehnen das Wort „Holocaust“, als Begriff für den Versuch der systematischen Vernichtung jüdischen Lebens, ab.

Für die Ermordung von Jüd:innen während des Nationalsozialismus bevorzugen sie das hebräische Wort „Schoa/Shoa“. Der Begriff existierte schon vor dem Versuch der systematischen Vernichtung von Jüd:innen in der NS-Zeit. 

Bis heute gibt es keinen eigenen deutschen Begriff für diesen historischen Massenmord. 

Quellen: Neue Deutsche Medienmacher:innen; Glossar Jüdische Allgemeine; Politische Bildung Brandenburg 

Antisemitismus ist heute in Deutschland noch immer – und seit einigen Jahren wieder zunehmend – ein besorgniserregendes Phänomen.

Monika Schwarz-Friesel in

Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses“ (Langzeitstudie)

Ein Banner wird von mehreren Menschen bei der Mahnwache in Hannover am 10.10.2019, einen Tag nach dem antisemitischen Anschlag in Halle getragen. Darauf steht: "Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher", Hannah Arendt. Im Hintergrund sind die Straßenlaterenen an, es ist dunkel, vermutlich Abend.
Foto von Bernd Schwabe in Hannover, CC BY-SA 4.0

Quelle: Lagebild der Amadeu Antonio Stiftung – Das Lagebild gibt einen detaillierten Einblick in die unterschied-lichen Erscheinungsformen von Antisemitismus in Deutschland heute.

Die Geschichte des jüdischen Lebens in Deutschland ist unter anderem auch eine Geschichte von Jüd:innenfeindschaft und Antisemitismus. 

Der rechtsterroristische Anschlag in Halle (Saale) am 9. Oktober 2019 auf die Synagoge ist ein schmerzlicher Höhepunkt aktueller antisemitischer Gewalt in Deutschland. 

Der Anschlag an Jom Kippur in Halle zeigt, dass Antisemitismus in Deutschland gegenwärtig nicht nur Gegenstand von Medien-Debatten ist, sondern auch manifeste Gewalt gegen Jüd:innen legitimiert.

 

Auch seit der Covid-19-Pandemie erfahren antisemitische Verschwörungsmythen einen „Aufschwung“ und werden oft erschreckend unkritisch gebilligt.
Antisemitismus  breitet sich sichtbar weiter aus, z.B. im Internet oder bei
Demonstrationen.

 

Langzeitstudie:
Antisemitismus im Netz

Der steigende Hass im Netz macht auch vor antisemitischen Äußerungen keinen Halt. Online werden Jüd:innen massiv angegriffen, Hass gegen Opfer des Nationalsozialismus wird geschürt, der Holocaust geleugnet und immer mehr verschwörungsideologische Aussagen werden im Internet deutlich.

Text: "Minuten in denen niemand online gegen Jüdinnen* Juden hetzt: = Minuten."
Medienkampagne Amadeu Antonio Stiftung Zero Antisemitismus – 20 Jahre Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus

Die Langzeitstudie „Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses stellt erschreckendes fest: Die Omnipräsenz von Jüd:innenfeindschaft ist integraler Bestandteil der Kommunikation im Internet. Zwischen 2014 und 2018 haben Forschende mehr als 300.000 Texte analysiert, die insbesondere in den Sozialen Medien verbreitet wurden. Diese Texte wiederholen oft bestimmte stigmatisierende Vorstellungen und intensivieren somit, was über Jüd:innen gesagt werde. Das heißt, sie schüren Antisemitismus.

 

Interessant an der Studie “Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses” ist außerdem, dass User:innen mit unterschiedlichen politischen Einstellungen relativ ähnliche Stereotype verwendeten, um ihre Feindschaft gegenüber Jüd:innen auszudrücken.

 

Mehr dazu: Höre oder lies dir das Interview Hass im Netz – „Neuer Antisemitismus“  –

Ingrid Brodnig im Gespräch mit Natascha Freundel vom 21.07.2019

Antisemitismus im Alltag –
Ein Filmtipp

 

Der Kurzfilm „Masel Tov Cocktail“ von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch  (Filmakademie Baden-Württemberg)  zeigt anhand des Lebens des Schülers Dimitri die Verhältnisse, in denen Jüd:innen leben und was es eigentlich für sie bedeuten kann Diskriminierung auf der Straße, auf dem Schulhof oder im Netz zu erleben. Kurzweilig und humorvoll porträtiert der Film antisemitische Alltagserfahrungen und Fakten zur deutschen Selbstwahrnehmung. Eindrucksvoll wird die Realität vieler Jüd:innen in Deutschland gezeigt.

 

Masel Tov Cocktail (Kurzspielfilm)

Arkadij Khaet, Mickey Paatzsch

Deutschland 2020

Laufzeit: 32 Minuten

Empfohlen: ab 12 Jahren 

FSK ab 12 

 

Hinweis: „Masel Tov Cocktail“ nicht mehr kostenlos abrufbar.

Gegen eine Leihgebühr kann der Film über Vimeo gestreamt werden:

Übung für nicht-jüdische Menschen:

Versuche deine eigene gesellschaftliche Rolle in Hinblick auf Antisemitismus zu reflektieren

Um antisemitismussensibel arbeiten zu können und deinen Blick hierfür zu schärfen, ist es wichtig auch deine eigene Biographie, deine Berührungspunkte mit dem Thema und deine Kenntnisse zu reflektieren.

Dafür stelle dir die folgenden Fragen:

vgl. Czollek u.a. (2019). Praxishandbuch Social Justice und Diversity, S. 111.

Wie "funktioniert" Antisemitismus?

Antisemitismus basiert nicht auf real existierenden Eigenschaften von Menschen oder Tatsachen. Er richtet sich gegen Jüd:innen und konstruiert dabei gleichzeitig eine nicht existierende Feindfigur des Jüdischen. Menschen können also antisemitische Einstellungen haben, ohne jemals jüdische Menschen getroffen zu haben oder irgendetwas über jüdisches Leben zu wissen. 

Im antisemitischen Denken sind Jüd:innen nicht unterlegen, sondern übermächtig und werden so als bedrohlich konstruiert. Dies ist ein wichtiger Unterschied zum Rassismus (siehe unten).

 

Das konstruierte Feindbild des Jüdischen stützt sich auf Vorurteile und Stereotype, wie etwa die Behauptung Jüd:innen seien listig, betrügerisch, geschäftstüchtig, besonders mächtig oder zentraler Teil einer „Weltverschwörung“.

 

Antisemitismus ≠ Rassismus​

Häufig wird Antisemitismus als eine Unterform von Rassismus verstanden.
Jüdisch-Sein bzw. das Judentum wurden innerhalb biologistischer und rassenideologischer Debatten zu einer vermeintlichen Rasse konstruiert. Somit basiert Antisemitismus heute weniger auf einem religiös fundierten Antijudaismus (mehr dazu bei „Recherche“ weiter unten) als viel mehr auf einer biologischen Begründung. Die Gleichsetzung dieser Phänomene wirkt dementsprechend auf den ersten Blick logisch, jedoch gibt es einen wichtigen Unterschied in der Feinbildkonstruktion.
 
Quelle: Jan Harig – Rassismus und Antisemitismus auf Anders Denken – Die Onlineplattform für Antisemitismus-kritik und Bildungsarbeit

Innerhalb von rassistisch geprägten Denkmustern werden von Rassismus Betroffene meist abgewertet und z.B. als primitiv, triebgesteuert, gewaltsam verurteilt. 

Nicht von Rassismus Betroffene werden dabei hingegen aufgewertet und z.B. als fortschrittlich, wissend und überlegen betitelt.

Im Antisemitismus erfahren Jüd:innen einerseits eine kollektive Abwertung, andererseits zeitgleich eine Überhöhung und Aufwertung: So werden Jüd:innen als überlegen, mächtig und „heimliche“ Herrscher:innen der Welt konstruiert und damit als verantwortliche Personen jeglichen Unheils dargestellt.

Wie kann sich Antisemitismus zeigen?

Antisemitische Vorstellungen im Alltag

Antisemitismus hat viele verschiedene Ausdrucksformen, ist oft sehr subtil oder stellenweise so normalisiert, dass wir ihn gar nicht wahrnehmen. In der Theorie wird zwischen verschiedenen Antisemitismen  (Antijudaismus, Moderner Antisemitismus, Sekundärer Antisemitismus, Israelbezogener Antisemitismus) unterschieden. Im Gegensatz zu gängigen Rassismustheorien, wo je nach Lebensrealitäten differenziert wird (zum Beispiel anti-Schwarzer Rassismus, antimuslimischer Rassismus oder anti-Slavismus), sind beim Antisemitismus jedoch immer alle Jüd:innen von allen Formen betroffen

Daher macht es im Alltag keinen Sinn diese stark theoretisierten Klassifizierungen einzelner Antisemitismen zu fokussieren. Auch, weil dabei schnell aus den Augen verloren wird, worum es eigentlich gehen sollte: Die Jüd:innen, gegen die diese Form der Diskriminierung gerichtet ist. Stattdessen ist es sinnvoll sich bewusst zu machen, dass wir alle antisemitische Vorstellungen verinnerlicht haben. Einige gängige alltägliche antisemitische Verhaltensweisen, Annahmen und Glaubenssätze sind hier aufgeführt:

Antisemitismus kann sich ganz unterschiedlich zeigen: Sowohl in offensichtlich antisemitischen Äußerungen, wie „Die Juden sind Schuld an XY“. Aber auch in antisemitischen Annahmen, wie alle Jüd:innen seien intelligent, musikalisch oder intellektuell veranlagt, sowie der Vorstellung es gäbe keine wirklich armen Jüd:innen. Tatsächlich sind Jüd:innen in Deutschland überdurchschnittlich stark von Altersarmut betroffen. 

Auch fremde Jüd:innen nach ihrer Familienbiografie zu fragen oder danach, welches Elternteil jüdisch ist, kann antisemitisch sein. Oft wird angenommen, dass jüdische Familienbiografien und -konstellationen keine Privatsache seien, sondern Allgemeingut. Niemand fragt jedoch Deutsche nicht-jüdische Personen nach dem ersten Händeschütteln, wie die Familie den Nationalsozialismus überlebt hat. Diese Frage Jüd:innen zu stellen ist jedoch nichts ungewöhnliches, obwohl es eine überaus intime und persönliche Frage ist.

Der Grund, warum viele nicht-jüdische Menschen in Deutschland Jüd:innen danach fragen, ob die Mutter jüdisch ist, ist das Bedürfnis sich zu versichern, dass die jüdische Person vor ihnen auch „echt jüdisch“ ist. Das zu beurteilen obliegt allerdings nur der jüdischen Person selbst. Die Annahme von nicht-jüdischen Menschen, sie könnten definieren, wer und wer nicht jüdisch ist, ist nicht nur antisemitisch, weil es ein fremdbestimmtes Urteil über eine marginalisierte Person ist, sondern auch, weil es in Deutschland mit den Nürnberger Gesetzen eine Tradition gibt, in der nicht-jüdische Deutsche darüber entschieden haben, wer jüdisch ist – mit verheerenden Konsequenzen. Das gleiche gilt übrigens für Urteile darüber, ob jemand „wirklich jüdisch“ ist, weil einem der Alltag einer Person nicht religiös genug erscheint oder man glaubt „wahres Jüdisch-Sein“ würde sich nur in einer bestimmten Praxis oder Wissen bestätigen. All diese Urteile gehören zu einem antisemitischen Alltagskanon.

Von Jüd:innen zu erwarten, dass sie jeder Zeit zu einem Gespräch oder einer Diskussion über Israel oder Israel und Palästina zur Verfügung stehen ist antisemitisch. Jüd:innen automatisch mit Israel zu assoziieren ist eine Form des Otherings und stülpt gleichzeitig allen Jüd:innen die Verantwortung für einen Staat über, mit dem sie gegebenenfalls gar nichts zu tun haben. Jüd:innen mit Israel:innen zu verwechseln ist eine klassische Form von Alltagsantisemitismus.

Es ist übrigens generell antisemitisch anzunehmen Jüd:innen seien anderen in irgendeiner Form Wissen schuldig. Egal ob zur Schoa, Feiertagen oder Politik: Jüd:innen sind keine Nachschlagewerke.

Wir finden Antisemitismus auch oft im Kontext Kirche (häufig Antijudaismus genannt). Historisch wurden Jüd:innen von der christlichen Glaubensgemeinschaft beschuldigt Ritualmorde an christlichen Kindern zu begehen, Brunnen zu vergiften oder unrechten Handel zu treiben. Dabei hat die katholische Kirche eine genauso ausgeprägte antisemitische Tradition, wie die evangelische. Auch heute lassen sich antisemitische Vorstellungen im Kontext Kirche noch finden: Bilder vom Judentum als brachiale Rachekultur oder Formulierungen, die die christliche Praxis und Moral als die bessere, reformierte Schwester eines veralteten, verrohten und rückschrittlichen, quasi rudimentären Judentums darstellen, sind so ein Beispiel.

Die Aussage oder Annahme keine Juden zu kennen, setzt zwei grundlegend problematische Ideen voraus: Ich kann Jüd:innen irgendwie äußerlich erkennen oder sie schulden mir ein Outing. Beides ist nicht der Fall. Viele Jüd:innen sind mit dem Appell oder der Erfahrung aufgewachsen, dass es zu gefährlich ist, sich als solche zu erkennen zu geben

Recherche

Recherche: Mehr informationen zu den verschiedenen Antisemitismen findest du in folgenden Artikel von Anders Denken  – Die Onlineplattform für Antisemitismuskritik und Bildungsarbeit: AntijudaismusModerner AntisemitismusSekundärer AntisemitismusIsraelbezogener Antisemitismus 

Verschwörungstheorien

Trifft eine Gruppe von Menschen eine geheime Absprache und versucht durch den Einsatz bestimmter Mittel ein bestimmtes Ziel zu verfolgen sprechen wir von einer Verschwörung. Meistens geht es bei einer Verschwörung um Machterwerb oder Machterhalt. Der Begriff der Verschwörungstheorie ist weit verbreitet und wird meistens abwertend genutzt oder von Verschwörungsideolog:innen als abwertend empfunden. Der Wortteil -theorie ist allerdings irreführend, denn der erweckt den Anschein es gäbe eine theoretische Grundlage, welche wissenschaftlichen Standards entspricht. Das ist bei Verschwörungstheorien jedoch nicht der Fall, da sie mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.

Unter anderem da der Begriff weit verbreitet ist, nutzen auch wir ihn auf der Diversify-Webseite, um dabei auf das Thema aufmerksam zu machen. 

 

 

Recherche für mehr Informationen: In dem Artikel Verschwörungsideologie, -Mythos oder -Erzählung? der Amadeu Antonio Stiftung werden die Unterschiede der Begriffe Verschwörungsideologie, Verschwörungsmythos und Verschwörungserzählung erklärt.

Photo by Jon Tyson on Unsplash

Antisemitische
"Verschwörungstheorien"

Teil der Konstruktion der „jüdischen Weltverschwörung“ sind auch die Erzählungen, dass Jüd:innen die Börsen und Banken und damit die gesamte Weltwirtschaft beherrschen würden. All diese Theorien konstruieren jüdische Menschen als übermächtige Bedrohung, was das antisemitische Feindbild des bösartigen, hinterhältigen und listigen „Juden“ stützt. Die Verbindung von Jüd:innen mit Geld, Macht und Einfluss sind Teil dieses Bildes der Bedrohung. Die Zuschreibung grenzenloser Macht ist somit Grundlage von Verschwörungserzählungen. Jüdische Menschen seien in dieser antisemitischen Erzählung diejenigen „die eigentlich hinter aktuellen Krisenerscheinungen stehen und mit bösen Absichten im Geheimen die Strippen ziehen“.

 

Quelle: anders denken – Die Onlineplattform für Antisemitismuskritik und  Bildungsarbeit: Antisemitismus und Finanzkrise 

Symbole und Sprachwendungen, wie die „Rothschildbank“, die Krake, der Begriff „Trotzkist aus New York“ oder das Wort “Winkeladvokat“ sind weit verbreitete Codes für diese Zuschreibungen und Verschwörungsfantasien. Auch wenn einzelne Menschen meinen nicht antisemitisch zu sein, können diese Symbole und Sprachwendungen gewisse unbewusste Assoziationsketten in ihnen auslösen. Denn antisemitisches Wissen ist in der deutschen Gesellschaft weit verbreitet und versteckt sich in Bildung, Medien oder Politik. Unbewusst nehmen wir viele dieser antisemitischen Erklärungen kritiklos an. Denn sie bieten uns einen einfachen Weg aus einer komplexen Welt. 

 

Mehr zur Antisemitischen Codes findest du weiter unten auf dieser Seite.

 

Quelle: KIGA Merkmale von Verschwörungstheorien: Woran erkennt man sie? Was macht sie aus?)

Antisemitische Verschwörungsideologien wollen dem Individuum einfache Erklärungen für komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge und Veränderungen anbieten. Diese Erklärungen können den Kapitalismus, seine Krisen und Transformationen, Migration oder auch Kriege betreffen. Verschwörungstheorien reduzieren allerdings  unterschiedliche gesellschaftliche Prozesse und Dynamiken auf eine vermeintlich geheim agierende jüdische Macht, die die Welt kontrolliere. Individuen erhalten damit ein klar definiertes Feindbild, welches auch für persönliche Krisen und Unsicherheiten (z.B. Arbeitslosigkeit, Veränderung des Geschlechterverhältnisses oder wirtschaftliche Rezessionen) verantwortlich sei.

„In Zeiten gesellschaftlicher Krisen (Finanzkrise, Coronakrise etc.) und Unsicherheit sind Verschwörungstheorien besonders populär, weil sie dem eigenen Unbehagen und Ohnmacht eine scheinbare Erklärung entgegenstellen und das eigene Selbst aufwerten“

 

Quelle: Antisemitische Verschwörungsfantasien – anders denken – Onlineplattform für Antisemitismuskritik und Bildungsarbeit

Verschwörungstheorien sind eng mit dem religiös begründeten christlichen Antijudaismus verbunden. Schon im Mittelalter wurde eine Vielzahl an Mythen aufgestellt, um Jüd:innen zu dämonisieren und gegen sie zu hetzen. So gab es u.a. die Vorwürfe vermeintlicher Ritualmorde an christlichen Kindern, die Brunnenvergiftung und die Wucherei. (Mehr zum Antijudaismus)

Eine der ersten, bekanntesten und verbreitetsten antisemitischen
Verschwörungstheorien ist die der vermeintlich jüdischen
Weltherrschaft.
 Für diese Theorie dienen die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“, die um 1900 entstanden sein sollen. Diese Protokolle wurden von der zaristischen Geheimpolizei gefälscht. Dass
es sich bei diesen Protokollen um eine Fälschung handelt, wurde bereits 1921 nachgewiesen. Doch das Wissen um die Fälschung hat der Popularität der weltverschwörerischen Erzählung nicht geschadet. Angeblich belegen die Protokolle den Plan einer jüdischen Weltverschwörung. Bei dem Text soll es sich um eine protokollierte Mitschrift eines Treffens jüdischer Anführer:innen („Weisen von Zion“) handeln. Es werden verschiedene Mittel und Wege dargelegt, um die Kontrolle über die Welt zu erlangen. So zum Beispiel: Kriege, (Welt-)Wirtschaftskrisen und die Kontrolle über die Medien, Sozialismus, Kapitalismus, Demokratie und Tyrannei. Den Nazis dienten die Protokolle als Argumentationsgrundlage für ihren vernichtenden Antisemitismus. Hitler nahm in „Mein Kampf“ Bezug auf die Protokolle. In der Zeit der NS-Herrschaft war der Text Pflichtlektüre an Schulen. 

Die Protokolle sind eine Fälschung. 

 

Quelle: BpB: Johannes Baldauf: Jüdische Weltverschwörung, UFOS und das NSU-Phantom

# glaubnichtalles
was du hörst!

Die Gefahr von Verschwörungsideologien

Verschwörungserzählungen gibt es viele – und in aktuellen Krise werden es immer mehr. Ob auf YouTube, im Familien-WhatsApp-Chat oder auf TikTok – Verschwörungserzählungen gehen immer wieder viral. Viele erscheinen dabei bereits auf den ersten Blick total absurd, während du dich bei anderen vielleicht fragst, ob nicht doch etwas Wahres dran ist. Egal in welcher Form Verschwörungsmythen auftreten, haben sie einige Dinge gemeinsam, die sie ziemlich gefährlich machen:

Verschwörungsmythen erklären die Welt in schwarz-weiß, sie werten dich auf, (denn nur wer geblickt hat, was „wirklich“ gespielt wird, gehört zu den „Eingeweihten“), sie wirken manipulativ und rechtfertigen Ausgrenzung und Gewalt.

Verschwörungserzählungen sind besonders in Krisensituationen attraktiv, wenn z.B. starke Veränderungen in unserem Alltag unsere Wertevorstellungen erschüttern. Diese Veränderungen werden mithilfe von Verschwörungsideologien erklärt, indem behauptet wird: Das Ganze existiert gar nicht, dahinter steckt ein dunkler Plan, Person oder Gruppe XY will daraus Profit schlagen.

 

Die Ursachen für Krisen oder Missstände zu personifizieren, also konkrete Verursacher zu nennen, anstatt das Problem zu verstehen oder auch Nicht-Wissen auszuhalten, ist der Kern von Verschwörungsmythen. Sie schaffen Abhilfe dafür, dass Menschen sich hilflos und einer Situation ausgeliefert fühlen. 

Wichtig zu verstehen ist:

Verschwörungserzählungen sind kein harmloses Gerede, sondern eine ernstzunehmende Gefahr, die eng mit Antisemitismus und Jüd:innenhass verknüpft sind. 

 

Quelle und mehr Informationen: Verschwörungsmythen – Was steckt dahinter? /  Nicht nur harmloses Gelaber – Das macht Verschwörungserzählungen so gefährlich 

 

Was kann ich tun?
Entschwör mit!

Text: "Medienregierung verbietet Xavier Naidoo!!" "Seriously? #glaubnichtalles was du hörst! Aktionswochen gegen Antisemitismus
© 2020 Amadeu Antonio Stiftung, ℗ 2020 WIGWAM eG.
Das Projekt „Kein Fünkchen Wahrheit! – Der DIY-Entschwörungsgenerator“ der Amadeu Antonio Stiftung aus den Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus 2020 erstellt zufallsbasiert vermeintliche Verschwörungserzählungen, die User:innen als SharePic herunterladen und teilen können. Ziel ist es über die Absurdität der Sprache auf die reale Gefahr von Verschwörungsmythen aufmerksam zu machen.
 
Erstelle dein eigenes SharePic und nutze es zum Anlass auf die Gefahr von Verschwörungserzählungen hinzuweisen, vielleicht eröffnet es einen wichtigen Diskurs. Hier findest du Argumentationshilfen und  Tipps:

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Erfahre hier, wie sich Antisemitismus sprachlich manifestiert, und wie du selbst antisemitismussensibel formulieren kannst