Antisemitismus

Basics

Begriffsklärung

Antisemitismus „bezeichnet Einstellungen, Äußerungen und Handlungen, die sich – direkt oder indirekt – gegen (vermeintlich) jüdische Menschen, Institutionen und Einrichtungen richten. Antisemitismus hat unterschiedliche Erscheinungsformen und funktioniert unabhängig vom Verhalten jüdischer Menschen.

In der Antisemitismustheorie wird erklärt, dass Menschen Dinge, die sie an sich selbst als negativ betrachten auf jüdische Menschen übertragen (dies wird projizieren genannt).

Im antisemitischen Weltbild wird damit »den Juden« die Verantwortung für gesellschaftliche Probleme, Konflikte und Ängste zugeschoben.“ Auch eigene Wünsche (z.B. Macht, Geld, Faulheit) können auf das Feindbild der Juden und Jüdinnen übertragen werden, die man selbst nicht verwirklichen kann. Juden und Jüdinnen werden dann dafür gehasst, dass sie diese Wünsche vermeintlich verwirklichen können und auch daran schuld sind, dass die anderen Menschen diese Wünsche nicht erfüllen können“.

(Quelle: Antonio Amadeu Stiftung im Glossar „Antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit“)

Das rabbinische Religionsgesetz definiert alle als Juden und Jüdinnen, deren Mütter Jüdin sind. In den USA gelten sogar diejenigen als Juden und Jüdinnen deren Väter jüdisch sind. Jüdisch sein heißt jedoch nicht automatisch religiös sein: Viele Jüdinnen und Juden sind nicht gläubig, sehen sich aber als Teil der jüdischen Gemeinschaft — teilweise benennen sie das Judentum als ihre kulturelle Identität statt als ihre Religion.

Holocaust (vom griechischen Holókaustos = vollständig verbrannt) bezeichnet die systematische, massenhafte Ermordung von Juden und Jüdinnen und anderen Minderheiten durch die Nationalsozialist:innen. Eingeführt wurde der Begriff 1979 als Titel der amerikanischen Fernsehserie „Holocaust– Die Geschichte der Familie Weiß“, die auch in Deutschland sehr populär war. Daraufhin übernahmen deutsche Politiker:innen diesen Begriff z.B. im Deutschen Bundestag. Vorher wurde vom „Völkermord an den europäischen Juden“ gesprochen. Manche Juden und Jüdinnen lehnen das Wort „Holocaust“ ab, weil das Brandopfer in der Thora die Obhut Gottes verspricht. Sie bevorzugen deswegen den hebräischen Begriff „Shoa“. Bis heute gibt es keinen eigenen deutschen Begriff für diesen historischen Massenmord.

 

(Quellen: Deutsche Welle, Neue Deutsche Medienmacher:innen).

Shoa (es gibt verschiedene Schreibweisen) ist ein hebräisches Wort und steht für „eine von Gott gesandte ausländische Bedrohung des Volkes Israel“ und wird auch als „Unheil“, „Heimsuchung“, „große Katastrophe“, „Untergang“ oder „Zerstörung“ übersetzt. Der Begriff Shoa wird vor allem von Juden und Jüdinnen benutzt, um den historischen Massenmord an Juden und Jüdinnen in der NS-Zeit zu benennen. Der Begriff existierte schon vor der systematischen Vernichtung von Juden und Jüdinnen in der NS-Zeit. In Israel steht der Begriff seit 1948 in der Unabhängigkeitserklärung des Landes.

 

(Quelle: Begriff Shoa: Der Duden. Das große Fremdwörterbuch. 2. Auflage, Mannheim/Leipzig 2003, S. 1213). 

„Antisemitismus ist heute
in Deutschland noch immer
– und seit einigen Jahren wieder zunehmend – ein besorgniserregendes Phänomen“

Monika Schwarz-Friese in der Langzetstudie 

„Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses“

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Die Geschichte des jüdischen Lebens in Deutschland ist unter anderem auch eine Geschichte von Juden- und Jüdinnenfeind:innenschaft und Antisemitismus. 

Der rechtsterroristische Anschlag in Halle (Saale) am 9. Oktober 2019 auf die Synagoge ist ein schmerzlicher Höhepunkt aktueller antisemitischer Gewalt in Deutschland. 

Der Anschlag an Jom Kippur in Halle zeigt, dass Antisemitismus in Deutschland gegenwärtig nicht nur Gegenstand von Medien-Debatten ist, sondern auch manifeste Gewalt gegen Jüdinnen und Juden legitimiert.

 

Auch seit der Covid-19-Pandemie erfahren antisemitische Verschwörungsmythen einen „Aufschwung“ und werden oft erschreckend unkritisch gebilligt.
Antisemitismus  breitet sich sichtbar weiter aus, z.B. im Internet oder bei
Demonstrationen.

 

Quelle: Lagebild der Amadeu Antonio Stiftung: Das Lagebild gibt einen detaillierten Einblick in die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Antisemitismus in Deutschland heute.

Langzeitstudie:
Antisemitismus im Netz

Der steigende Hass im Netz macht auch vor antisemitischen Äußerungen keinen Halt. Online werden Juden und Jüdinnen massiv angegriffen, Hass gegen Opfer des Nationalsozialismus wird geschürt, der Holocaust geleugnet und immer mehr verschwörungsideologische Aussagen werden im Internet deutlich.

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Die Langzeitstudie „Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses stellt erschreckendes fest: Die Omnipräsenz von Juden- und Jüdinnenfeind:innenschaft ist integraler Bestandteil der Kommunikation im Internet. Zwischen 2014 und 2018 haben Forschende mehr als 300.000 Texte analysiert, die insbesondere in den Sozialen Medien verbreitet wurden. Diese Texte wiederholen oft bestimmte stigmatisierende Vorstellungen und weiten und intensivieren so, was über Juden und Jüdinnen gesagt werden könne. Das heißt, sie schüren Antisemitismus.

 

Interessant an der Studie “Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses” ist außerdem, dass User:innen mit unterschiedlichen politischen Einstellungen relativ ähnliche Stereotype verwendeten, um ihre Feindschaft gegenüber Juden und Jüdinnen auszudrücken.

Mehr dazu: Lies oder hör dir das Interview von Natascha Freundel (Jounalist:in) und Ingrid Brodnig (Publizist:in) an, um mehr über Hass im Netz – der sogenannte ‚Neue Antisemitismus‘ – zu erfahren.

Antisemitismus begegnen

Dieser Film zeigt die Verhältnisse, 

in denen Juden und Jüdinnen leben und 

was es eigentlich für Juden und Jüdinnen bedeutet

Diskriminierung auf der Straße, auf dem Schulhof oder im Netz zu erleben.

Ein Drittel aller Juden und Jüdinnen werden antisemitisch diskriminiert

Bereits in der ersten Hälfte des Jahres 2017 

wurden 160 antisemitische Straftaten begangen.

 

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Dieser Text und Medieninhalt sind unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung:
nicht kommerziell, keine Bearbeitung 3.0. Deutschland; veröffentlicht.
Autor:in: Laura Momo Aufderhaar (Pudelskern GbR) für bpb.de

Link zu dem Video Antisemitismus begegnen

Übung für nicht-jüdische Menschen:

Versuche deine eigene gesellschaftliche Rolle in Hinblick auf Antisemitismus zu reflektieren

Um antisemitismussensibel arbeiten zu können und deinen Blick hierfür zu schärfen, ist es wichtig auch deine eigene Biographie, deine Berührungspunkte mit dem Thema und deine Kenntnisse zu reflektieren: 

Dafür stelle dir die folgenden Fragen:

Vgl. Czollek u.a. (2019) Praxishandbuch Social Justice und Diversity, S. 111

Wie "funktioniert" Antisemitismus?

Antisemitismus basiert nicht auf real existierende Eigenschaften von Menschen oder Tatsachen. Er richtet sich zwar gegen Juden und Jüdinnen und konstruiert dabei gleichzeitig eine nicht existierende Feindfigur des Jüdischen. Menschen können also antisemitische Einstellungen haben, ohne jemals jüdische Menschen getroffen zu haben oder irgendetwas über jüdisches Leben zu Wissen. 

Juden und Jüdinnen sind im antisemitischen Denken nicht unterlegen, sondern überlegen, übermächtig und werden so als bedrohlich konstruiert. Dies ist ein wichtiger Unterschied zum Rassismus ist (siehe unten).

Das konstruierte Feindbild des Jüdischen stützt sich auf Vorurteile und Stereotype, wie etwa die Behauptung Juden und Jüdinnen seien listig, betrügerisch, geschäftstüchtig, besonders mächtig oder zentraler Teil einer „Weltverschwörung“.

 

Antisemitismus ≠ Rassismus​

Häufig wird Antisemitismus als eine Unterform von Rassismus verstanden.
Jüdisch-sein/ das Judentum wurden innerhalb biologistischer und rassenideologischer Debatten nicht mehr als eine Religion gesehen, sondern zu einer vermeintlichen Rasse konstruiert. Somit basiert Antisemitismus heute weniger auf einem religiös fundierten Antijudaismus (siehe unten) als viel mehr auf einer biologischen Begründung. Die Gleichsetzung dieser Phänomene wirkt dementsprechend auf den ersten Blick logisch, jedoch gibt es einen wichtigen Unterschied in der Feinbildkonstruktion.
(Quelle: Jan Harig, Rassismus und Antisemitismus, Anders Denken– Die Onlineplattform für Antisemitismuskritik und Bildungsarbeit)

Innerhalb von rassistische geprägten Denkmustern werden von Rassismus Betroffene meist abgewertet und z.B. als primitiv, triebgesteuert, gewaltsam verurteilt. 

Nicht von Rassismus Betroffene werden dabei hingegen aufgewertet und z.B. als fortschrittlich, wissend und überlegen betitelt.

Im Antisemitismus erfahren Juden und Jüdinnen einerseits eine kollektive Abwertung, andererseits aber zeitgleich eine merkwürdige Überhöhung und AufwertungIm Antisemitismus werden Juden und Jüdinnen als überlegen, mächtig und „heimliche“ Herrscher:innen der Welt konstruiert. Juden und Jüdinnen werden somit als Verantwortliche jeglichen Unheils konstruiert.

Antisemitismen

Diese Antisemitismen werden unterschieden

Durch antisemitische Zuschreibungen werden Juden und Jüdinnen 

für Ängste, Probleme und Konflikte verantwortlich gemacht. 

Wie diese artikuliert werden ist – je nach Kontext – sehr verschieden. 

Deshalb wird zwischen mindestens vier Antisemitismen unterschieden:

Der religiös begründete christliche Antijudaismus entstand im Mittelalter. Antijudaismus wird durch antijudaistische Vorwürfe, wie den Ritualmord an christlichen Kindern, der Brunnenvergiftung und der Wucherei charakterisiert.

Moderner Antisemitismus hat die Form einer verschwörungsideologischen Welterklärung. Juden und Jüdinnen werden hier als fremde, einheitliche und bösartige Gruppe dargestellt, die heimlich danach strebt die Herrschaft über andere Menschen zu erlangen. 

Es wurde so der Versuch unternommen gesellschaftliche Widersprüche und politische Konflikte, die Folge des Übergangs von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft waren, Juden und Jüdinnen anzulasten (wie z.B. Revolutionen, tiefgreifenden Umwälzungen in nahezu allen Lebensbereichen, Aufklärung und Säkularisierung (Trennung von Staat und Kirche), industrielle Revolution und Urbanisierung, soziale und wirtschaftlichen Verunsicherungen). Bäuerliche Landbevölkerung,

Kleinbürgertum und Intellektuelle hielten an alten Prinzipien fest und fühlten sich von diesen Veränderungen bedroht. Jüdische Menschen wurden dann als „Drahtzieher“ dieser Veränderung inszeniert. 

Auch heute noch ist die Vorstellung einer „geheimen jüdischen Macht“ zentrales Motiv vieler Verschwörungsideologien (dazu im nächsten Abschnitt mehr).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begründeten Antisemit:innen ihre Feind:innenschaft gegenüber Juden und Jüdinnen schließlich mithilfe moderner Rassentheorien. In dieser Zeit stellten Ärzt:innen in pseudowissenschaftlichem Duktus phänotypische Merkmale, wie etwa eine „hakenförmige Nase“, „Plattfüße“ oder „wulstige Lippen“ als Erbmerkmale einer vermeintlich biologisch determinierten jüdischen „Rasse“ heraus. Diese Form des Antisemitismus gipfelte im Nationalsozialismus in der Entrechtung und Vertreibung und schließlich in der systematischen Ermordung von über 6 Millionen Juden und Jüdinnen. 

 

Der sekundäre Antisemitismus drückt sich in der Leugnung bzw. Relativierung der Shoa aus und hat die Funktion der Schuldabwehr. Diese Form von Antisemitismus drückt sich etwa in der Forderung nach einem „Schlussstrich“ unter die deutsche Vergangenheit, dem Vorwurf Juden und Jüdinnen würden den Holocaust instrumentalisieren, um sich finanzielle Vorteile zu verschaffen oder in dem Versuch einer Täter:innen-Opfer-Umkehr aus. Bei der Täter:innen-Opfer-Umkehr wird versucht, Juden und Jüdinnen eine Mitschuld an der Shoa zu geben oder ihnen eine andere Täter:innenrolle, etwa im Kontext des Nahostkonflikts, zuzuschreiben. Hier überschneidet sich der sekundäre mit dem israelbezogenen Antisemitismus (weitere Informationen).

Der israelbezogene Antisemitismus (oder auch „antisemitischer Antizionismus“) ist ein eher indirekter Ausdruck von Feind:innenschaft gegenüber Juden und Jüdinnen und erfährt in Deutschland relativ viel Zustimmung. So ist der Nahostkonflikt keineswegs Ursache antisemitischer Denkweisen, sondern Aufhänger für deren Verbreitung. Antisemitische Klischees und Deutungsmuster finden hier Eingang in eine vermeintlich harmlose Kritik am Staat Israel.

Diese ist dann antisemitisch, wenn sie sich antisemitischer Stereotype bedient oder durch den Vergleich zwischen Israelis und Nationalsozialist:innen eine Täter:innen-Opfer-Umkehr anstrebt. 

(Mehr Informationen zum israelbezogenen Antisemitismus)

(Link zu Antisemitismus Sprache: Wann ist die Kritik an Israel antisemitisch 3D-Test)

 

Verschwörungstheorien

Trifft eine Gruppe von Menschen eine geheime Absprache und versucht durch den Einsatz bestimmter Mittel ein bestimmtes Ziel zu verfolgen sprechen wir von einer Verschwörung. Meistens geht es bei einer Verschwörung um Macherwerb oder Machterhalt. Der Begriff „Verschwörungstheorie“ ist weit verbreitet. Der Begriff wird meistens abwertend verwendet oder von Verschwörungsideolog:innen als abwertend empfunden. Eine „Verschwörungstheorie“ gilt demnach als eine „Spinnerei“, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Die Endung “-theorie” ist allerdings irreführend, denn dieser Wortteil erweckt den Anschein es gäbe eine theoretische Grundlage, die wissenschaftlichen Standards entspricht. Das ist bei Verschwörungstheorien jedoch nicht der Fall. Da der Begriff aber sehr weit verbreitet ist, nutzen auch wir ihn auf der Diversify-Website, um das Thema niedrigschwellig vermitteln zu können. 

Der Artikel Verschwörungstheorie oder Verschwörungsmythos? der Amadeu Antonio Stiftung erklärt die feinen Unterschiede der Begriffe: Verschwörungstheorie, Verschwörungsideologie und Verschwörungsmythos.

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Antisemitische
Verschwörungstheorien

Teil der Konstruktion der „jüdischen Weltverschwörung“ sind auch die Erzählungen, dass Juden und Jüdinnen die Börsen und Banken und damit die gesamte Weltwirtschaft beherrschen würden. All diese Theorien konstruieren jüdische Menschen als übermächtige Bedrohung, was das antisemitische Feindbild des bösartigen, hinterhältigen und listigen „Juden“ stützt. Die Verbindung von Juden und Jüdinnen mit Geld, Macht und Einfluss sind Teil dieses Bildes der Bedrohung. Die Zuschreibung grenzenloser Macht ist somit Grundlage von Verschwörungsfantasien. Jüdische Menschen seien in dieser antisemitischen Erzählung diejenigen „die eigentlich hinter aktuellen Krisenerscheinungen stehen und mit bösen Absichten im Geheimen die Strippen ziehen“

(Quelle: anders denken – Die Onlineplattform für Antisemitismuskritik und  Bildungsarbeit: Antisemitismus und Finanzkrise 

Symbole und Sprachwendungen, wie die „Rothschildbank“, die Krake, der Begriff „Trotzkist aus New York“ oder das Wort “Winkeladvokat“ sind weit verbreitete Codes für diese Zuschreibungen und Verschwörungsfantasien. Auch wenn einzelne Menschen meinen nicht antisemitisch zu sein, können diese Symbole und Sprachwendungen gewisse unbewusste Assoziationsketten in ihnen auslösen. Denn antisemitisches Wissen ist in der deutschen Gesellschaft weit verbreitet und versteckt sich in Bildung, Medien oder Politik. Unbewusst nehmen wir viele dieser antisemitischen Erklärungen kritiklos an. Denn sie bieten uns einen einfachen Weg aus einer komplexen Welt. 

Mehr zur Antisemitischen Codes findest du weiter unten auf dieser Seite.

(Quelle: KIGA Merkmale von Verschwörungstheorien: Woran erkennt man sie? Was macht sie aus?).

Antisemitische Verschwörungsideologien können dem Individuum einfache Erklärungen für komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge und Veränderungen anbieten. Diese Erklärungen können den Kapitalismus, seine Krisen und Transformationen betreffen, Migration oder auch Kriege. Verschwörungstheorien reduzieren unterschiedliche gesellschaftlichen Prozesse und Dynamiken auf eine geheim agierende jüdische Macht, die die Welt kontrolliere. Das Individuum erhält damit ein klar definiertes Feindbild, was auch für persönliche Krisen (z.B. Arbeitslosigkeit, Veränderung des Geschlechterverhältnisses oder wirtschaftliche Rezessionen) und Unsicherheiten verantwortlich gemacht werden kann.

„In Zeiten gesellschaftlicher Krisen (Finanzkrise, Coronakrise etc.) und Unsicherheit sind Verschwörungstheorien besonders populär, weil sie dem eigenen Unbehagen und Ohnmacht eine scheinbare Erklärung entgegenstellen und das eigene Selbst aufwerten“

(Vgl.: anders denken – Die Onlineplattform für Antisemitismuskritik und  Bildungsarbeit: Antisemitismus und Finanzkrise)

 

Verschwörungstheorien sind eng mit dem religiös begründeten christlichen Antijudaismus verbunden (s.o). Schon im Mittelalter wurden eine Vielzahl an Mythen aufgestellt, um Juden und Jüdinnen zu dämonisieren und gegen sie zu hetzen. Wie unter „Antijudaismus“ bereits erwähnt, gab es u.a. die Vorwürfe vermeintlicher Ritualmorde an christlichen Kindern, die Brunnenvergiftung und die Wucherei.

Eine der ersten, bekanntesten und verbreitetsten antisemitischen
Verschwörungstheorien ist die der vermeintlich jüdischen
Weltherrschaft.
 Für diese Theorie dienen die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“, die um 1900 entstanden sein sollen. Diese Protokolle wurden von der zaristischen Geheimpolizei gefälscht. Dass
es sich bei diesen Protokollen um eine Fälschung handelt, wurde bereits 1921 nachgewiesen. Doch das Wissen um die Fälschung hat der Popularität der weltverschwörerischen Erzählung nicht geschadet. Angeblich belegen die Protokolle den Plan einer jüdischen Weltverschwörung. Bei dem Text soll es sich um eine protokollierte Mitschrift eines Treffens jüdischer Anführer:innen („Weisen von Zion“) handeln. Es werden verschiedene Mittel und Wege dargelegt, um die Kontrolle über die Welt zu erlangen. So zum Beispiel: Kriege, (Welt-)Wirtschaftskrisen und die Kontrolle über die Medien, Sozialismus, Kapitalismus, Demokratie und Tyrannei. Den Nazis dienten die Protokolle als Argumentationsgrundlage für ihren vernichtenden Antisemitismus. Hitler nahm in „Mein Kampf“ Bezug auf die Protokolle. In der Zeit der NS-Herrschaft war der Text Pflichtlektüre an Schulen. 

Die Protokolle sind eine Fälschung. 

(Quelle: BpB: Johannes Baldauf: Jüdische Weltverschwörung, UFOS und das NSU-Phantom, Belltower.news: Simone Rafael).

Stopp!

Leichter gesagt als getan:
Wie kann ich Verschwörungserzählungen
widersprechen?

Verschwörungserzählungen haben in Zeiten von Unsicherheiten Hochkonjunktur, wie derzeit in der Corona-Pandemie. Verschwörungserzählungen wirken oft zunächst harmlos oder skurril. Doch sie sind gefährlich und es ist wichtig zu widersprechen. Doch: Wie kann ich Verschwörungserzählungen widersprechen? Die Amadeu Antonio Stiftung hat unter folgendem Link Informationen zum Umgang mit Verschwörungsmythen und Antisemitismus, insbesondere rund um das Corona-Virus zusammengefasst. Es werden hier konkrete Tipps gegeben, wie du im familiären Umfeld oder auf Social-Media Verschwörungsmythen widersprechen kannst.

 

Antisemitische Codes

Hier findest du kurze Erklärungen zu den antisemitischen Codes, die in dem Video erwähnt werden:

Reptiloide sind fiktionale Wesen aus antisemitischen Verschwörungsideologien. Diese werden als menschenähnliche, intelligente Lebensformen beschrieben, die von Reptilien oder reptilienartigen Außerirdischen abstammen oder auf andere Weise reptilienähnlich sind. Die Verschwörungsideologie behauptet, dass Reptiloide die Politik vieler Länder kontrollieren.

Als Chem-Trails bezeichnen Verschwörungstheoretiker:innen Kondensstreifen von Flugzeugen, die angeblich mit giftiger Chemie versetzt seien. In der Vorstellung von Verschwörungstheoretiker:innen werden Chem-Trails dazu genutzt, Menschen und Umwelt zu manipulieren und/oder zu vergiften. Mit der Vergiftung sollen die angeblichen Verschwörer:innen den Plan verfolgen, die Weltbevölkerung zu reduzieren. Dies wurde wissenschaftlich widerlegt und ist schlicht falsch.

Eine Verschwörungstheorie, die ebenfalls mehrmals wiederlegt wurde. Sie behauptet die Erde sei hohl und in ihr leben diverse Menschen und Tiere.

„Trotzkist aus New York“ ist eine Anspielung auf die Metropole, in der ein erheblicher Teil der jüdischen Bevölkerung der USA lebt. Die Bezeichnung „Trotzkist“ wird in diesem Kontext verwendet, um jemanden als Unruhestifter zu bezeichnen und zu reduzieren, auch wenn die Person kein:e Anhänger:in des jüdischen Revolutionärs Leo Trotzki ist. (Quelle)

Der Begriff „Winkeladvokat“ wird seit dem  19. Jahrhundert genutzt und ist eine herabwertende Bezeichnung für eine:n unseriöse:n Jurist:in, der:die sich mit Tricks und Täuschungen für seine Klienten einsetzt. Im Nationalsozialismus wurden unter anderem auch jüdische Anwälte und Anwältinnen als „Winkeladvokaten“ bezeichnet, bevor ihnen 1938 die Berufstätigkeit verboten wurde. (Quelle)

Weiter zu Sprache

Erfahre hier, wie sich Antisemitismus sprachlich manifestiert, und wie du selbst antisemitismussensibel formulieren kannst