Diversify! Lehre

Rahmen schaffen

Umsetzen

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Fehlerfreundlichkeit, Sprechräume navigieren oder wertschätzende Kommunikation: Auf dieser Seite finden Sie handlungsorientierte Beispiele, wie Sie durch Ihr Verhalten und Ihre Haltung einen inklusiven Lehr-Lern-Raum gestalten und Ihren Studierenden überfachliche Kompetenzen vermitteln können.

Benachteiligungen entgegenwirken –Wertschätzend Lehren und Lernen

Was ist, wenn meine
Frage unnötig ist,
weil alle anderen
die Antwort kennen?

Mein Name wird
falsch ausgesprochen und ich weiß nicht,
wie ich das
berichtigen kann.

Ich würde gerne etwas sagen, aber ich komme in der Diskussion
nicht zu Wort.

Diese und ähnliche Gedanken haben viele Studierende, insbesondere, wenn sie von Diskriminierung betroffen sind. Deshalb ist es wichtig Sprechräume bewusst zu gestalten und Menschen zu bestärken, zu sprechen. Unterstützt werden kann das zum Beispiel, indem Sie zu Beginn einer Seminarsitzung alle Studierenden zu Wort kommen lassen. Verschiedene interaktive Methoden zum Einstieg in eine Lehreinheit stellt die Universität Gießen vor. So werden die Studierenden im Raum sichtbar und finden Gehör. Das kann im Sitzungsverlauf die Hemmungen nehmen, ein weiteres Mal zu sprechen. Eine Vorstellungsrunde in der ersten Sitzung eignet sich dafür ebenso sehr gut. Dabei wird auch die Aussprache von Namen deutlich und es können die gewünschten Namen und Pronomen von allen Studierenden erfragt werden, sodass eine respektvolle Ansprache möglich ist. 

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Ein wertschätzender Umgang ist essentiell für eine produktive Lernatmosphäre. Alle Wortmeldungen aufzugreifen, aufmerksam zuzuhören oder sich für interessante Beiträge zu bedanken, sind effektive Wege, um den Studierenden zu vermitteln, dass sie ernst genommen und wertgeschätzt werden. Das kann sie zur Mitarbeit motivieren, Scheu vor Wortmeldungen nehmen und zu einem achtsamen Umgang miteinander anregen. Ein wertschätzender Umgang kann sich auch darin zeigen, dass Sie Ihren Studierenden Unterstützungsmöglichkeiten aufzeigen – zum Beispiel, indem Sie auf Ihre Sprechstundenzeiten hinweisen, auf die Antidiskriminierungsstellen Ihrer Institution, externe Beratungsstellen, die kostenlos Unterstützung bieten, oder die Möglichkeit des Nachteilsausgleich für Prüfungen. Eine Liste mit Unterstützungsangeboten für Diskriminierungsbetroffene können Sie hier herunterladen. Ebenso kann es helfen, wenn Sie zu Beginn einer Lehrveranstaltung benennen, welche Inhalte besprochen werden – insbesondere, wenn Sie denken, dass einige der Themen aufwühlend oder belastend sein könnten. Wir wissen oft nicht, welche Erfahrungen Menschen gemacht haben und die Grenzen dessen, was aushaltbar ist, sind sehr subjektiv. Wenn Sie transparent machen, wie sich Studierende aus einer Lehreinheit zurückziehen können – zum Beispiel durch leises Verlassen des Raumes – dann können sich Studierende vor dem Wiedererleben von Gewalterfahrungen schützen

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Im Hochschulkontext werden häufig die körperlichen Erfahrungen und Bedürfnisse den intellektuellen Ansprüchen untergeordnet. Natürlich kann von Studierenden eine angemessene Konzentrationsspanne erwartet werden. Doch Lernen erfolgt nicht nur kognitiv, sondern auch durch sinnliche Wahrnehmungen, praktische Erfahrungen, Emotionen und den Körper. Exkursionen, Feldforschungseinheiten, Bewegungen und Gefühle können als Vermittlungsebene für das Lernen genutzt werden und zu abwechslungsreichen Lernerfahrungen beitragen. Dafür eignen sich einige Themen besser als andere. Den Menschen als Ganzes zu denken und Inhalte auf verschiedenen Ebenen und durch unterschiedliche Medien zu vermitteln, kann zu einer produktiven und wertschätzenden Lernatmosphäre beitragen (Steixner 2015, S. 6ff.). Gleiches gilt für die Ausstattung der Räume. In einem luftigen Raum mit natürlichem Licht, ausreichend Sauerstoff und angenehmer Temperatur lässt es sich leichter lernen. Praktische Anregungen, wie produktive Lern-Lehr-Räume physisch und intellektuell umgesetzt werden können, finden Sie in der Handreichung Lernräume gestalten: Mit einfachen Mitteln nachhaltiges Lernen ermöglichen (S. 6-18).

Gendern: Wie und warum?

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Zu einem achtsamen und wertschätzenden Umgang gehört auch, dass alle gleichberechtigt angesprochen und mitgedacht werden.

Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen Unfall, bei dem beide verletzt werden. Sie werden in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein bekannter Chirurg arbeitet. Die Operation des Jungen wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chirurg erscheint, blass wird und sagt: „Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!“

 

Waren Sie nach dem Lesen kurz irritiert, weil Sie von einem männlichen Chirurgen ausgegangen sind? Studien zeigen, dass die meisten Menschen an eine männliche Person denken, wenn sie die männliche Form eines Begriffes hören (Siehe zum Beispiel: Misersky, Majid, Snijders 2018). Auch wenn also andere Geschlechter mit-gemeint sind, so werden sie nicht automatisch mitgedacht. Geschlechtergerechte Sprache ist ein effektives Mittel, um Gleichberechtigung zu fördern und Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts entgegenzuwirken. 

 

Weiterführende Links

Auf der Webseite Geschlechtergerechtes Formulieren der HAW Hamburg finden Sie hilfreiche Tipps und Wörterbücher zum Gelingen des geschlechterinklusiven Sprechens und Schreibens. 

Sie möchten mehr über die Bedeutung von Geschlecht in unserer Gesellschaft erfahren? Auf der OER „Was ist Gender?“ finden Sie einführende Informationen. 

Auf dieser OER Diversify! wird unter Sexismus dargelegt, wie Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes funktioniert.

Diskriminierungssensible Sprache
ist mehr als gendern!

In diesem Video sprechen drei Bildungsreferent:innen über die Relevanz von Sprache für Inklusion und die Wirkmacht von Diskriminierung durch Sprache.

Weitere Anregungen zu den Dimensionen inklusiver Sprache können Sie auf der Seite Diversitätssensible Kommunikation und Interaktion der TU Dresden nachlesen. 

Von Namen und Pronomen

Mit welchem Namen Personen angesprochen werden möchten, ist nicht immer identisch mit dem eingetragenen Namen auf Ausweisdokumenten oder dem gespeicherten Namen an der Hochschule, der auf Teilnehmendenlisten steht oder bei Zoom angezeigt wird. Dies betrifft insbesondere trans* und nicht-binäre Personen, die sich für einen anderen Namen entschieden haben, der (noch) nicht offiziell geändert wurde. Die Anrede mit dem falschen Namen („dead name“) oder Pronomen kann verletzen und diskriminieren.

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Um dem vorzubeugen, können zum Beispiel Namensschilder mit Namen und Pronomen aufgestellt werden. Auch die bereits erwähnte Vorstellungsrunde kann hilfreich sein. Damit Studierende sich trauen, ihre Pronomen zum Namen zu nennen, kann es helfen, wenn Sie Ihre gewünschte Ansprache in Ihrer eigenen Vorstellung ebenfalls nennen. Bei Zoom können Sie als Host einstellen, dass Teilnehmende ihren Namen selbst ändern können. Wie das funktionierterklärt die HAW Hamburg Schritt für Schritt. Außerdem können Sie die Studierenden bitten, ihr Pronomen zum Namen dazuzuschreiben. Sollten Sie sich unsicher über das gewünschte Pronomen sein, kann eine Anrede mit Vor- und Nachnamen, als Alternative zu der üblichen Form mit Frau oder Herr, genutzt werden. Der sensible Umgang mit Namen und Pronomen beschränkt sich nicht auf den Lehr-Lern-Raum. Achten Sie auch in E-Mails, in Gesprächen, Empfehlungs- und Beurteilungsschreiben auf die korrekte Ansprache. Sollte dies aufgrund bürokratischer Gegebenheiten – wie standardisierten Dokumentenvorlagen – nicht möglich sein, weisen Sie Ihre Vorgesetzten oder die Gleichstellungsbeauftragten Ihrer Fakultät auf die Problematik hin. So können Veränderungen angestoßen werden.

Respektvoll sprechen – aus Fehlern lernen

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„Machtverhältnisse strukturieren die Gesellschaft,
sind in ihren Institutionen [...] verankert und prägen die Individuen, die in diesen sozialisiert werden.
Zu diesen Machtverhältnissen gehören
Rassismen, Heteronormativitäten, Klassismen, Ableismen etc. sowie ihre Verflechtungen.
Da diese Machtverhältnisse die Gesellschaft durchdringen, Wissen und Sprache prägen [...]
gibt es kein außerhalb der Machtverhältnisse.“

 

Vorurteile, gewaltvolle Begriffe, Abwertungen: Nicht immer sind verletzende Aussagen böswillig gemeint. Häufig entstehen sie aus Unwissenheit und fehlender Sensibilisierung. Deshalb ist es wichtig diese Aussagen nicht kommentarlos hinzunehmen oder zu übergehen, sondern zu erklären, warum bestimmte Bezeichnungen vermieden werden sollten oder eine Äußerung diskriminierend ist. Es ist wichtig, Studierende für ihre Aussagen zur Verantwortung zu ziehen und gleichzeitig Unwissen nicht abzuwerten, sondern ernst zu nehmen und Fehler konstruktiv zu korrigieren. So können Menschen aus diesen lernen. Das ist manchmal eine Herausforderung und kostet Kraft – insbesondere, wenn man selbst betroffen ist. Für Vernetzung und Unterstützung schauen Sie bitte hier

Wie mit Privilegierung und Benachteiligung, Normen und Machtverhältnissen in der Hochschullehre umgegangen werden kann, beschreiben Conni* Krämer, René_ Hornstein und Gundula Ludwig in ihrer Veröffentlichung „Epistemologische Dilemmata“.

 

„Insgesamt ist es für diskriminierungskritische Lehr_Lern-Räume wichtig, anzustreben, Personengruppen, die aufgrund von Diskriminierungserfahrungen in bestimmten Aspekten vulnerabel(er) sind, nicht indirekt auszuschließen, indem z. B. das N-Wort fällt, rassistische Bilder unkommentiert und_oder ohne Vorwarnung und_oder ohne ausreichende Kontextualisierung gezeigt werden etc. Die Verwendung von Selbstbezeichnungen für bestimmte Personengruppen wie z. B. People of Color (PoC) anstelle gewaltvoller Fremdbezeichnungen ist unbedingt notwendig, wenn der Lehr_Lernraum verantwortlich gestaltet werden soll.“ (Conni* Krämer, René_Hornstein, Gundula Ludwig 2016, S. 49)

 

Gleichzeitig sollte für alle klar sein, dass Respekt den Umgang im Raum begründet. Niemand weiß alles und Fehler gehören zum Lernprozess, doch betroffene Personen sollten so gut wie möglich davor geschützt werden, schmerzhaften Erfahrungen und Reproduktionen von Gewalt ausgesetzt zu sein. Auf plakative Fragen, stereotype Beispiele oder Wiederholungen von negativen Aussagen und Begriffen sollte verzichtet werden (Conni* Krämer, René_ Hornstein, Gundula Ludwig 2016, S. 49).

 

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Es ist essenziell, diskriminierendes Verhalten oder abwertende Aussagen als solche zu benennen, zu dekonstruieren und zu korrigieren. Betroffene Personen sind zudem nicht in der Verantwortung, eine aufklärende Rolle einzunehmen oder stets über Verletzungen zu stehen. Sich für marginalisierte Perspektiven einzusetzen, diese zu ergreifen und für eine benachteiligte Position zu argumentieren, kann darüber hinaus ein besonderes Bewusstsein für die oft überhörten Blickwinkel und Erfahrungen unserer Gesellschaft schaffen und betroffene Studierende in ihrem Selbstbewusstsein stärken.

Wenn eine:r spricht und die anderen nicht

 

Gleiches gilt für die Aufteilung von Sprechräumen. Vielleicht haben Sie das selbst in Ihrer Lehre oder als Teilnehmer:in einer Veranstaltung erlebt: Eine Person spricht deutlich mehr als alle anderen, nimmt mit der eigenen Meinung viel Raum ein und lässt kaum Platz für andere Wortbeiträge und Perspektiven. In einem Raum voller Menschen selbstverständlich das Wort zu ergreifen und selbstbewusst die eigene Position zu vertreten, fällt nicht Allen gleichermaßen leicht. Ein dominantes Verhalten resultiert häufig aus einer privilegierten, dominanten Position in der Gesellschaft, welche sich in den Lehr-Lern-Raum überträgtGleichermaßen fällt es Studierenden benachteiligter, marginalisierter Positionen oft schwerer, für sich Raum einzunehmen. Studierende aus dem Ausland oder ohne Akademiker*inneneltern zweifeln beispielsweise häufiger, ob sie sich adäquat genug ausdrücken können. Dies kann zu Hemmungen führen. Diese in der Gesellschaft begründete und im Lehr-Lern-Raum Ausdruck findende Ungleichheit, beschneidet die Perspektivenvielfalt, Fairness und das gleichberechtigte Lernen aller. Sie reproduziert Mechanismen der Diskriminierung und Hierarchisierung von Menschen und Perspektiven. Um dem entgegenzuwirken, ist es wichtig, einen Umgang mit solchem Verhalten zu finden. 

Fällt Ihnen ein Ungleichgewicht in den Sprechverteilungen auf, könnten Sie beispielsweise zu Beginn einer Seminarsitzung der gesamten Gruppe eine Reflexionszeit einräumen mit der Aufgabe über das eigene Sprechverhalten und die Verteilung der Redebeiträge nachzudenken. Führt das nicht zu dem gewünschten Gleichgewicht, haben Sie außerdem die Möglichkeit, in Diskussionen die Teilnehmenden bewusst aufzurufen, sodass Sie auf die Reihenfolge und Abwechslung der Wortmeldungen moderierend einwirken können. Ebenfalls kann es helfen, den Studierenden Zeit zum Nachdenken zu geben, bevor Sie Personen aufrufen. Auch besteht die Möglichkeit, die betreffende Person zu einem Einzelgespräch zu bitten und die Problematik konstruktiv zu schildern mit der Aufforderung, zukünftig auf die Sprechverteilungen zu achten. Stärken Sie die Studierenden, die noch nicht selbstverständlich sprechen und halten Sie Raum einnehmende Studierende zur Reflexion an. Indem Sie einen fairen Umgang mit Sprechverteilungen vorgeben und vorleben, können Sie Ihre Studierenden ebenfalls zu diesem Verhalten anregen. 

Mit Verspätungen umgehen

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Auch wenn es manchmal ärgerlich und frustrierend ist, Menschen kommen zu spät. Selten ist das beabsichtigt. Oft begründen sich Verspätungen in vielfältigen Verpflichtungen und Anforderungen, die kollidieren. Meist kostet es zudem Überwindung verspätet statt gar nicht zu erscheinen. Geben Sie Ihren Studierenden trotz Verspätung die Möglichkeit, im weiteren Verlauf am Lernen teilzuhaben. Dafür ist es wichtig, sie über die vorangegangenen Geschehnisse in Kenntnis zu setzen. Selbstverständlich sollen Sie nicht alles stehen und liegen lassen, um die Studierenden inhaltlich abzuholen. Sie könnten jedoch beispielsweise eine:n der anderen Studierenden auffordern, die wichtigsten Inhalte des Seminarverlaufs für alle zusammenzufassen oder, wenn eine Stillarbeits- oder Gruppenarbeitsphase beginnt, die Person kurz ins Bild setzen. 

 

Vorbild sein

„Wie ich forsche, lehre, spreche, kommuniziere – dies alles sind Handlungen. Und diese Handlungen haben Auswirkungen auf den Raum, in dem Lehren_Lernen stattfindet.“

 

Sie haben besonderen Einfluss darauf, wie im Raum miteinander gesprochen und umgegangen wird und welche Lernatmosphäre daraus resultiert. Ihr Verhalten und Ihre Haltung setzen die Maßstäbe im Raum. Das bringt zum einen Verantwortung mit sich, zum anderen ergeben sich daraus wichtige Chancen. Sie haben die Möglichkeit einen Lehr-Lern-Raum zu gestalten, der Ihren Werten, Vorstellungen und Wünschen für Ihre Studierenden entspricht. In den Leitlinien einer diversitätsbewussten Lehre der Freien Universität Berlin finden Sie Inspiration und Anregung, um sich Ihrer Haltung und Ihren Zielen in der Lehre weiter bewusst zu werden. Wenn Sie sich Unterstützung wünschen, finden Sie auf dieser Seite Hinweise zu Beratungsangeboten sowie zu Vernetzungs- und Austauschräumen. 

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