Antimuslimischer Rassismus

Basics 2

Begriffsklärung

Antimuslimischer Rassismus konstruiert vermeintliche Unterschiede zwischen dem „Westen/Okzident“ und dem „Orient“ oder „Islam“. Kultur, Religion, Moral, Sexualität und Geschlecht werden herangezogen, um den „Westen“ aufzuwerten und den „Orient“, den „Islam“ und Muslim:innnen abzuwerten. Dabei werden allerlei Zuschreibungen durcheinander geworfen wie z.B. Muslim:innen seien rückständig, anti-westlich, gewalttätig oder übersexualisiert. Gleichzeitig wird „der Westen“ als demokratisch, gebildet und aufgeklärt konstruiert. Diese Zuschreibungen dienen einer Abgrenzung. 

Hijab (auch Hidschāb) bedeutet Verhüllung und wird in Deutschland oft wie das Wort „Kopftuch“ verwendet. Gemeint ist ein Tuch, das den Kopf, meist auch den Hals und teils die Schultern bedeckt, das Gesicht aber freilässt. Es gibt viele verschiedene Trageweisen des Hijab. Meist liegt das Tuch – im Gegensatz zu einem Kopftuch – relativ eng an. Laut einer Umfrage unter Musliminnen in Deutschland trägt von den stark Gläubigen unter ihnen jede Zweite nie ein Kopftuch

Nach: Glossar Neue Deutsche Medienmacher:innen

Nochmal Basics? Ja!

Was ist antimuslimischer Rassismus?

Antimuslimischer Rassismus betrifft sowohl Muslim:innen als auch Menschen, denen Muslimisch-Sein nur zugeschrieben wird. Zur Gruppe der betroffenen Nicht-Muslim:innen gehören vor allem Menschen, die als arabisch, türkisch, Migrant:in oder Ausländer:in wahrgenommen werden. Aufgrund bestimmter äußerer Merkmale (Hijab, dunkle Hautfarbe, arabisch klingender Nachname, etc.) werden Menschen als Muslim:innen verortet, als Gruppe vereinheitlicht und als anders abgewertet.Es findet auch hier häufig ein Rassifizierungsprozess statt.

„Sie [die Muslim:innen] werden zur Metapher gesellschaftlichen Übels gemacht – indem man ihnen etwa die Attribute sexistisch, homophob, gewalttätig, integrationsunwillig zuschreibt – und sie so aus dem nationalen ‚Wir‘ herausdekliniert.“

Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt (antimuslimischer) Rassismus und Antisemitismus

Beim antimuslimischen Rassismus wird religiöse Zugehörigkeit mit Nationalstaaten und geografischen Regionen gleichgesetzt und mit rassistischen Zuschreibungen körperlicher Merkmale vermengt. Die (lange existierende) Konstruktion von einem „okzidentalen/ westlichen Wir“ und einem „orientalen/ muslimischen Anderen“ wird so aufrecht erhalten. Begriffe wie Islamophobie oder Muslimfeindlichkeit verorten den Ursprung für die Ausgrenzung und Gewalt gegen Muslim:innen oft in invidiuellem Hass. Antimuslimischer Rassismus hingegen betont, dass es sich hier nicht um Einzelphänomene handelt. Der Begriff betont, dass die europäische Moderne (Okzident) maßgeblich auf einer über Jahrhunderte gewachsenen Abgrenzung vom angeblichen muslimisch geprägten Orient besteht. Dieser wird dann als rückschrittlich, undemokratisch oder frauenfeindlich imaginiert, während Europa sich als demokratisch, emanzipiert und fortschrittlich präsentiert.

 

Nach: Amadeu Antonio Stiftung: Flyer: Antimuslimischer Rassismus (2019)

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Was ist antimuslimischer Rassismus? (2019)

Wer ist eigentlich dieser Orient?

Über Jahrhunderte haben sich Bilder und Wertvorstellungen „des Orients“ und „des Okzidents“ gebildet. Diese führen bis heute zu Vorurteilen und Diskriminierung gegenüber vermeintlich „Anderen“, die aufgrund ihrer tatsächlichen oder auch bloß zugeschriebenen Religionszugehörigkeit als Muslim:innen wahrgenommen werden.

 

Bis heute wird der sogenannte Orient als eine andere Welt und somit als Gegensatz zu Europa verstanden. Was „der Orient“ ist, wo er liegt und ob es ihn überhaupt gibt, ist nicht bestimmt. Vielmehr ist „der Orient“ eine westliche Konstruktion der Andersartigkeit. Wie „der Orient“ als kulturelles Gegenbild Europas konstruiert wird analysiert Edward W. Said in dem Buch „Orientalismus“ (2009).

Die vermeintliche Andersartigkeit „des Orient“ geht häufig mit einer Aufwertung „des Westens“ einher. „Der Westen“ wird dabei als aufgeklärt, gebildet, gemäßigt und das Christentum als Religion des Friedens dargestellt. Gleichzeitig wird „der Orient“ abgewertet. „Der Islam“ wird als Religion der Gewalt dargestellt und „die Muslim:innen“ als gewalttätig, aggressiv, laut, fanatisch, ungebildet, unemanzipiert und undemokratisch gezeigt. Die Vorstellung von „Orient“ und „Okzident“ bildet das Fundament des antimuslimischen Rassismus. „Der Orient“ wird oft mit „dem Islam“ gleichgesetzt. 

 

Welche Rolle spielt die Berichterstattung?

Die Begriffe, die wir verwenden, um Gewalt und Mord zu benennen prägen unsere Wahrnehmung. Beispielsweise wurde über die rassistische Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (kurz: NSU) in den Leitmedien unter den Schlagworten „Dönermorde“ oder „Mordserie Bosporus“ berichtet (Dossier der Rosa-Luxemburg-Stiftung zum NSU). Der Begriff „antimuslimischer Rassismus“ war damals im medialen Mainstream gar nicht und ist heute immer noch eher selten zu finden. Seit dem rechtsextremen Terroranschlag in Hanau im Jahr 2020 verändert sich die Situation langsam. In den Medien wurde hauptsächlich von Rassismus gesprochen und nur selten von „Shisha-Morden„. Die Benennung als antimuslimischer Rassismus ist wichtig, um den Bildern von fehlgeleiteten Einzeltäter:innen eine Kritik der dahinter liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse entgegenzusetzen. Eine Kritik an einem gesellschaftlichen Klima, in dem Parteien eine Islamisierung der Gesellschaft herbeifantasieren oder beim Stichwort Islam medial primär „Ehrenmorde“ und das „Kopftuch“ verandelt werden. Gleichsam ist es wichtig genau hinzuschauen, bevor bei bestimmten gesellschaftlichen Gruppen vorschnell Religion oder Kultur als Erklärung für ein Verhalten herangezogen werden. Dadurch wird oft die Komplexität gesellschaftlicher Verhältnisse, die dann in einem bestimmten Verhalten von Personen münden, übersehen. Ein anderes Framing ermöglicht auch eine andere Lesart von Ereignissen und Handlungen und eröffnet andere Denkräume für gesellschaftliche Veränderung.

Wir müssen uns stärker mit den Betroffenen solidarisieren. Das wird Taten wie in Hanau nicht verhindern. Aber es trägt dazu bei, dass sich Rechtsextremist:innen nicht mehr als Vollstrecker:innen einer „schweigenden Mehrheit“ fühlen können.

Daniel Bax, Journalist und Autor

Mechanismen und Grundfiguren
von antimuslimischem Rassismus

Photo Hasan Almasi on Unsplash
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Gängige Stereotype

Welche Stereotype und Narrative sind in Bezug auf Muslim:innen 

in den deutschen Medien besonders präsent?

– Traditionelle Rituale und Praktiken

– Fundamentalismus

– „Ehrenmorde“

– verallgemeinerte Unterstellung eines religiösen Terrorismus

– Kriminalität

– Gewaltbereitschaft

– Leben in einer „Parallelgesellschaft“

– Frauenverachtung

– Intergrationsunwilligkeit

– Rückständigkeit

Geschlecht und antimuslimischer Rassismus

Photo by Laurentiu Morariu on Unsplash

Auf „den Islam“ wird mitunter gewalttätiges Verhalten gegenüber Frauen und deren Unterdrückung projiziert. Die unterdrückte Muslima bildet dabei die Kontrastfigur zur vermeintlich emanzipierten Europäerin. Dadurch wird ein Gegensatz  geschaffen. Das Bild der emanzipierten westlichen Gesellschaften (bzw. Beziehungen) wird gestärkt. Zugleich wird der Blick vom sogenannten Westen selbst auf „die Anderen“ gelenkt. Dabei wird ausgeblendet, dass Gewalt und Sexismus ein Problem der gesamten deutschen Bevölkerung darstellt. 

Frauen in Deutschland, die Hijab tragen, sind zudem besonders stark von antimuslimischen Rassismus (z.B. Arbeitsmarkt) betroffen. 719 Menschen haben sich seit 2006 an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gewandt, weil sie sich aufgrund ihrer muslimischen Religion benachteiligt fühlten. Davon waren fast 80 Prozent Frauen. Gewalt, Sexismus und antimuslimischer Rassismus sind Probleme der gesamten deutschen Bevölkerung, von deren Auswirkungen besonders Frauen, die Hijab tragen, betroffen sind. Alleinig „den muslimischen Mann“ zum Täter zu machen, lenkt von den gesamtdeutschen Problemen ab und steht einer Verbesserung, insbesondere der Position von Hijabträgerinnen, in Deutschland im Weg.

Immer wieder: Die "Kopftuch(debatte)"

In der Gesellschaft und in den Medien wird oft das Bild erzeugt, dass die Verschleierung (besser: Hidschāb, Hijab) Unfreiheit für Frauen bedeute. Viele vergessen dabei, dass die Gründe für das Tragen und Nicht-Tragen des Hijabs vielfältig und divers sind. Viele muslimische Frauen empfinden die Möglichkeit ein Hijab zu tragen als Freiheit und als selbstbestimmten Akt.

Video abspielen

In diesem Video spricht Halima Saroukh über ihre Entscheidung Hijab zu tragen. Für Halima Saroukh bedeutet Hijab zu tragen neben dem Bekenntnis zum Glauben auch ein Statement gegen die Stigmatisierung der muslimischen Frau zu setzen. Sie möchte zeigen, dass Frauen gebildet und unabhängig sein und können und sich gleichzeitig für das Tragen des Kopftuches entscheiden können.

Dieses Video ist die Episode 7 der YouTube-Serie „Berliner Farben“ von Poliana Baumgarten.

In der Debatte um Frauen mit Hijab gibt es viele Stereotype und Vorurteile. Oft gibt es Sprüche oder Denkweisen, wie: „Frauen mit Kopftuch können nicht schwimmen“ oder „Flirten mit Kopftuch? Auf keinen Fall!“. Zudem werden Frauen mit Hijab z.B. Unfreiheit, Unfreiwilligkeit und Unterdrückung  zugesprochen und unterstellt.

In diesem Video reagieren Hijabis auf diese Stereotype. Sie kommentieren sie, entkräftigen sie und machen deutlich: Frauen mit Hijab sind divers und nicht kategorisierbar!

Übung

Schaue dir die folgende Werbung von Katjes an und stelle dir folgende Fragen: Was empfindest du dabei? Welche Emotionen löst die Werbung bei dir aus? Was fällt dir bei dieser Werbung auf? Wen spricht diese Werbung an? Ist diese Werbung authentisch und realitätsnah?

 

Mit dieser Übung möchten wir dich einladen deine eigene Perspektive auf Frauen mit Hijab zu hinterfragen. Diese Übung bietet auch eine Möglichkeit über die gesellschaftliche Darstellung von muslimischen Frauen zu sprechen.

Falls du weitere Ideen und Gedanken zu den zuvor gestellten Fragen erfahren möchtest, schau dir das Video von BlackRockTalk an in dem sich sechs Frauen mit der Frage beschäftigen, ob die Kampagne ein Schritt in eine gleichberechtigtere Zukunft oder misslungenes Hijab-Facing ist. Hijab-Facing meint Hijab nur als Verkleidung einzusetzen.

Medien und Bilder "des Islam"

Die („westliche“) mediale Darstellung muslimischer Menschen ist häufig von Stereotypen und Vorurteilen durchdrungen. Bestimmte Aspekte werden in den Medien immer wieder aufgenommen und führen zu einer Marginalisierung und Diskriminierung von muslimischen oder vermeintlich muslimischen Menschen.

Die folgenden Aspekte sind wiederkehrende und dominante Darstellungsmuster von Muslim:innen in den deutschen Medien. Indem diese hier benannt werden, soll nicht gesagt werden, dass an einem Missbrauch des Islam für politische Zwecke keine Kritik geübt werden darf. Aber: Es fehlt grundsätzlich eine differenzierte Darstellung muslimischer Lebenswelten. Diese würde die dominanten Bilder und ihre stereotypisierenden Effekte abschwächen.

Wiederkehrende und dominante Darstellungsmuster
von Muslim:innen in deutschen Medien

Medien vermitteln oft ein Bild von Muslim:innen als Integrationsverweiger:innen. Muslimischen Menschen wird ein fehlendes Interesse an Deutschland und der deutschen Sprache zugeschrieben. Oft wird das Bild einer vermeintlichen Parallelgesellschaft aufgeworfen. Muslimische Menschen würden sich sozial, kulturell und räumlich von der Mehrheitsgesellschaft abschotten. Dies verfestigt einen negativen Blick auf muslimische Menschen.

In der Berichterstattung über den Islam liegt der Fokus häufig auf dem Aspekt von Gewalt. Muslimische Menschen werden als terroristisch, gewalttätig und radikal dargestellt. Von muslimischen Männern gehe nach medialer Darstellung oft eine Gefahr aus. Damit wird bisweilen auch von der Gewalttätigkeit „deutscher Männer“ abgelenkt, indem Gewalt mit muslimischen Männern gleichgesetzt wird. Diese bilden dann den Gegenpol zum „deutschen Mann“.

Muslimische Menschen oder „der Islam“ sind in der Berichterstattung häufig innerhalb negativer Kontexte bzw. Krisen sichtbar. Muslimische Menschen werden in den Medien somit als Bedrohung oder Feindbild konstruiert.

Die Konstruktion von "dem muslimische Mann"

In diesem kurzen Video wird aufzeigt, dass in den Medien „der muslimische Mann“ als gewalttätige, militante und radikale Figur geschaffen wird.

Wenn du mehr über Bilder „des Islams“ in den Medien wissen möchtest, dann schau dir das Interview „Islambilder in den Medien“ von Özcan Karadeniz (Verband binationaler Familien und Partnerschaften) und Kai Hafez (Universität Erfurt, Philosophische Fakultät) an.

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Was kann ich tun?
Strategien und Handlungsoptionen

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