Rassismus

Basics 1

Begriffsklärung

Rassismus basiert auf einer Grenzziehung entlang von vermeintlich körperlichen und kulturellen Differenzen. Körperliche Merkmale (z.B. Hautfarbe, Augenform oder Haare), aber auch Religion, Name oder Sprache werden dazu genutzt, Menschen als nicht zugehörig und minderwertig zu markieren. Menschen werden so als einheitliche Gruppe konstruiert. Dieser Gruppe werden dann überwiegend negative Eigenschaften (z.B. unordentlich, faul), Verhaltensweisen (z.B. gewalttätig) oder Denkweisen (z.B. irrational) zugeschrieben. Diese Zuschreibungen werden verwendet, um gesellschaftliche Ungleichbehandlung zu rechtfertigen. Zudem wird die rassistische Logik genutzt, um weiße Personen aufzuwerten und nicht-weiße Personen abzuwerten und zu marginalisieren. Rassismus ist eine historisch gewachsene Konstruktion.

People of Color (Abkürzung: PoC; Singular: Person of Color) ist eine selbstgewählte Bezeichnung von Menschen, die Rassismuserfahrungen machen. Der Begriff ist ein Bündnisbegriff, es geht also darum dass verschiedene Gruppen zusammenarbeiten können, um ihren politischen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Das Wichtigste ist dabei die Erfahrung zu teilen, rassistisch unterdrückt zu werden. So kann dem „Teile und Herrsche Prinzip“ (Gruppen werden getrennt, damit diese nicht zusammen für Veränderungen kämpfen können) entgegengewirkt werden. PoCs sind zum Beispiel: Migrant:innen, Schwarze Menschen, Juden und Jüdinnen, Muslim:innen, Rom:nja, Sinti:zze, Asiatische Menschen, Lateinamerikanische Menschen (…).

Schwarz ist eine Selbstbezeichnung von und für

Menschen, die afrikanische bzw. afrodiasporale

Bezüge haben. Schwarz-Sein bezieht sich

nicht auf die Hautfarbe, sondern ist ein Konstrukt, das

eine gemeinsame Identität und gegenseitige Solidarität

aufgrund gemeinsamer Erfahrungen mit Rassismus

und Kolonialismus benennt und die strukturell

benachteiligte Position innerhalb des rassistischen

Machtverhältnisses bezeichnet. Um hervorzuheben,

dass es sich bei Schwarz um eine Selbstbezeichnung

handelt, wird der Begriff groß geschrieben (GLADT e.V.).

BPoC (Black People and People of Color) wird häufig verwendet, um nicht nur People of Color einzuschließen, sondern ausdrücklich Schwarze Menschen mit einzubeziehen. Seltener wird bisher der Begriff  BIPoC (Black, Indigenous, People of Color) in Deutschland verwendet. BIPoC bezieht neben Schwarzen Menschen auch explizit indigene Menschen ein. Indigene Menschen ist eine übergeordnete Selbstbezeichnung für Menschen, die ein Gebiet bereits bewohnten, bevor sie von Gruppen aus anderen Teilen der Welt unterworfen, untergeordnet oder kolonialisiert wurden oder ihr Gebiet Teil eines Staates wurde (z.B. Aborigines, Tuareg, Maya, Massai usw.)

 

Weiß bezeichnet ebenso wie Schwarz in Bezug auf Rassismus keine biologische Eigenschaft und keine reelle Hautfarbe, sondern eine politische und soziale Konstruktion. Weißsein drückt die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus aus, die sonst zumeist unausgesprochen und unbenannt bleibt. Weißsein ist ein unbewusstes Selbst- und Identitätskonzept, das weiße Menschen in ihrer Selbstsicht und ihrem Verhalten prägt und sie an einen privilegierten Platz in der Gesellschaft verweist (z.B. durch den Zugang zu Ressourcen). 

Weißsein kritisch zu reflektieren etablierte sich in den 1980er Jahren als Paradigmenwechsel in der Rassismusforschung. Anstoß hierfür waren die politischen Kämpfe und die Kritik von People of Color

Maafa „(…) kommt aus dem Kiswahili, bedeutet ‚Katastrophe, große Tragödie, schreckliches Ereignis‘ und bezeichnet die komplexe interdependente Gemengelage von Sklaverei, Imperialismus, Kolonialismus, Invasion, Unterdrückung, Entmenschlichung und Ausbeutung.“ (Aus: Wie Rassismus aus Wörtern spricht – (K)erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. S.594)  Maafa wählt bewusst eine afrikanische Sprache, als Form der Selbstaneignung, und thematisiert neben der weißen Gewalt auch Widerstand und Emanzipation. In den USA sind beide Begriffe inzwischen im Bereich der African, African American und Pan-African Studies gängig. Entwickelt hat dieses Konzept die afrikanisch amerikanische Theoretikerin und Aktivistin Marimba Ani.

Übung: Sensibilisierung

Beantworte – ohne lange nachzudenken – die folgende Frage.

"Wir werden alle rassistisch sozialisiert."

Alice Hasters

Was ist das eigentlich ein:e Rassist:in? Die meisten verstehen darunter ein Individuum, das andere Menschen ausdrücklich aufgrund ihrer Hautfarbe hasst und ihnen vorsätzlich wehtun möchte. Und ja, Rassismus kann gewaltvoll sein und zu Morden führen. Am 19. Februar 2020 wurden in Hanau neun Menschen aufgrund von rassistischen Motiven ermordet. Die Amadeu Antonio Stiftung hat seit der Wiedervereinigung Deutschlands (1990213 Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland dokumentiert, deutlich weniger Todesopfer sind staatlich anerkannt. Doch definieren wir rassistisches Verhalten ausschließlich als eine bewusste Entscheidung mit böser Absicht, verkennen wir die Komplexität und Wirkweisen von Rassismus. Denn so wären Rassist:innen nur dumpfe Schläger:innen, Neonazis und Rechte. Mit solchen Leuten möchte wohl niemand in Verbindung gebracht werden.

 

Aus dieser Logik ergibt sich eine Abwehrhaltung und diese steht einer sachlichen Auseinandersetzung mit Rassismus im Weg. Denn Rassismus äußert sich nicht nur in grenzüberschreitenden Beleidigungen und körperlichen Übergriffen. Rassismus ist vielfältig, zeigt sich in unterschiedlichen Arten und kann auch in sehr nuancierte Formen sichtbar werden, die möglicherweise nicht sofort auffallen. Je nach Kontext tritt Rassismus unterschiedlich auf und verändert sich auch im Laufe der Zeit. Im Kolonialismus und Nationalsozialismus war z.B. das vorherrschenden Denken einer weißen vermeintlich überlegenen „Rasse“ präsent. Heute ist Rassismus eher in Form von angeblich unüberwindbaren, kulturellen Differenzen (z.B. zwischen Menschen mit (zugeschriebenem) Migrationshintergrund und Deutschen oder (zugeschriebenen) Muslim:innen und Christ:innen) präsent.

Formen von Rassismus

Gerade in Deutschland ist Rassismus sehr vielschichtig. Verschiedene Rassismen führen zu komplexen Ausgrenzungen und so gibt es spezifische Bezeichnungen für viele Formen des Rassismus.

Antiasiatischer Rassismus existiert nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Europäer:innen haben seit dem 13. Jahrhundert Narrative (Erzählungen) konstruiert und verbreitet, die bis heute wirkmächtig sind. Diese Narrative basieren auf tatsächlichen und imaginierten Besuchen in Asien. In diesen Narrativen erscheinen Asiat:innen als „anders“, „exotisch“ und „gefährlich“. Auch in Deutschland lässt sich anhand von historischen Beispielen eine klare Kontinuität von antiasiatischem Rassismus aufzeigen. Antiasiatischer Rassismus ist in auch in Deutschland in Systeme eingeschrieben.

Als schwerwiegendste Fälle antiasiatischer Gewalt nach 1945 sind die Pogrome in Hoyerswerda 1991 und Rostock-Lichtenhagen 1992 in das kollektive Gedächtnis v.a. asiatischer Deutscher eingegangen. 

Asiatisch gelesene Menschen in Deutschland sind in widersprüchlicher Weise von Rassismus betroffen. Sie werden sowohl diskriminiert, als auch privilegiert. Einerseits werden sie vielfach als „Vorzeigemigrant:innen“ beschrieben und gegen andere (post)migrantische Gruppen ausgespielt; andererseits werden sie als homogene Masse dargestellt, von der eine Gefahr für die weiße Mehrheitsgesellschaft ausgehe.

In Populärkultur und medialer Berichterstattung unterscheiden sich weit verbreitete rassifizierte Zuschreibungen asiatisch gelesener Menschen auch nach Geschlecht: So werden asiatisch gelesene Frauen sexualisiert, exotisiert und infantilisiert, Männer dagegen desexualisiert und feminisiert.

Quelle: Christoph Nguyen „Antiasiatischer Rassismus in Deutschland“ (2020)

Antimuslimischer Rassismus betrifft sowohl Muslim:innen als auch Menschen, denen Muslimisch-Sein zugeschrieben wird. Zur Gruppe der betroffenen Nicht-Muslim:innen gehören vor allem Menschen, die als arabisch, türkisch, Migrant:in oder Ausländer:in wahrgenommen werden. Beim antimuslimischen Rassismus wird religiöse Zugehörigkeit mit Nationalstaaten und geografischen Regionen gleichgesetzt und mit rassistischen Zuschreibungen körperlicher Merkmale vermengt. Die (lange existierende) Konstruktion von einem „okzidentalen/ westlichen Wir“ und einem „orientalen/ muslimischen Anderen“ wird so aufrecht erhalten. 

(Mehr: Antimuslimischer Rassismus: Basics 2)

Werden Menschen afrikanischer Herkunft, der afrikanischen Diaspora und/oder Afrikaner:innen diskriminiert, so wird auch von anti-Schwarzem Rassismus gesprochen. Es liegt im Wesen des anti-Schwarzen Rassismus zu behaupten, dass es eine Norm(alität) von Körperlichkeit und Lebenskultur gebe. Es wird behauptet, dass diese Norm Europäischsein und Weißsein sei. Durch anti-Schwarze Rassismus werden Narrative zu Afrika und Schwarze Menschen darauf reduziert, genau das Gegenteil dieser Norm zu sein. Ein Europa, das sich für ausschließlich weiß versteht, meint also vereinfacht: Europa und weiße Menschen seien zivilisiert und organisiert. Schwarzen Menschen und Afrikaner:innen wird so zugeschrieben: nicht zivilisiert, sondern barbarisch zu sein; nicht organisiert, sondern chaotischzu sein (…) kurzum: nicht überlegen, sondern unterlegen, nicht normal, sondern „anders“.

Quelle: Susan Arndt, Was ist anti-Schwarzer Rassismus? In: Die 101 wichtigsten Fragen – Rassismus.

Bereits im 19. Jahrhundert war Antislawismus – auch Slawenfeindlichkeit genannt – in Deutschland als eine Form des Rassismus weit verbreitet. Darunter ist die Diskriminierung und Verfolgung von Menschen osteuropäischer Herkunft zu verstehen. Menschen osteuropäischer Herkunft werden durch rassistische Zuschreibungen als Angehörige einer „slawischen Rasse“ angesehen. „Slawen“ wurden als minderwertig erachtet und es wurde ihnen die Fähigkeit zur Kultivierung von Land abgesprochen. Antislawismus spielte in der nationalsozialistischen Ideologie und Politik eine wichtige Rolle: Insbesondere für die Rechtfertigung des Angriffskrieges gegen die Sowjetunion, die Annexion osteuropäischer Regionen für deutsche Siedlungsprojekte und die unmenschliche Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg. (Mehr erfahren

Quelle: Projekt „Verflechtungen koloniales und nationalsozialistisches Denken und Handeln im Nationalsozialismus“

Als Antiziganismus wird die Diskriminierung und Verfolgung von Menschen bezeichnet, die als „Zigeuner“ stigmatisiert werden. Vorurteile gegen Sinti:zze und Rom:nja prägten schon seit dem 19. Jahrhundert das staatliche Handeln und die gesellschaftliche Haltung in Deutschland. Die Nationalsozialist:innen begannen nach der Machtübernahme mit der systematischen Erfassung dieser Bevölkerungsgruppen. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 und die „Nürnberger Rassengesetze“ 1935 bildeten die Grundlage für die rassistische Ausgrenzung und Verfolgung sowie für Zwangssterilisationen und den Massenmord an Sinti:zze und Rom:nja im Nationalsozialismus.

Quelle: Projekt „Verflechtungen koloniales und nationalsozialistisches Denken und Handeln im Nationalsozialismus“

Antiziganismus, was ist das? Kurz erklärt„, Bundeszentrale für politische Bildung

Für den Rassismus, den die sogenannten italienischen, griechischen oder türkischen Gastarbeiter:innen und ihre Angehörigen in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten (und immer noch erleben), gibt es keine spezifische Bezeichnung. Diese wurden in Deutschland ab den 1970er Jahren, neben weiteren, außereuropäischen Migrant:innen, als Ausländer stigmatisiert und zunehmend auch rechtlich ausgegrenzt.

Die folgenden Ausführungen zu Rassismus gehen nicht auf alle aufgeführten Formen des Rassismus im Detail ein. Wir arbeiten daran, die Seite in Zukunft zu erweitern. Der Fokus liegt aktuell auf antimuslimischem Rassismus und anti-Schwarzem Rassismus.

Wer profitiert von Rassismus?

Alice Hasters beschreibt Rassismus als ein System mit einer „Geschichte von 500 Jahren Versklavung, 250 Jahre Rassentheorien und Kolonialismus – alles Dinge, die nicht wirklich aufgearbeitet und auch nicht in unserem kollektiven Gedächtnis verankert sind“. Rassismus basiert also auf historisch gewachsenen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen. Rassismus äußert sich auch in Privilegien für bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Weiße Menschen profitieren in der Regel von Rassismus (außer sie sind beispielsweise von antislawischem Rassismus betroffen). Unbewusst genießen sie Vorteile, beispielsweise indem ihnen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe ein Kredit verwehrt wird, ihnen nicht die Schuld für Corona gegeben wird oder ihre schulischen Leistungen nicht schlechter bewertet werden, weil sie nicht als Migrant:innen für weniger leistungsfähig gehalten werden. Rassismus ist insbesondere ein Problem weißer Menschen. Aufgrund ihrer Privilegien haben sie auch eine besondere Verantwortung für die Veränderung der bestehenden Ungleichheitsverhältnisse. Rassismus hat außerdem zu einer „Fehlerziehung über die Wirklichkeiten der Geschichte“ geführt und beschränke vor allem auch die Schichtweisen und das Wachstumspotential von Weißen, schreibt Judy Katz. Rassismus benötigt also gerade von Weißen besondere Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft, um rassistische Denk- und Handlungsmuster abzulegen. Vom Abbau rassistischer Strukturen und Denkweisen profitieren wir letztlich alle – sei es indem einige weniger Hürden im Weg haben oder Gewalt erfahren oder indem wir alle lernen Menschen in ihrer Vielfältigkeit jenseits von Stereotypen wahrzunehmen. Dennoch: Vielleicht ist das größte weiße Privileg sich aussuchen zu dürfen: Beschäftige ich mich mit Rassismus oder nicht?

 

Nach: 

Hadnet Tesfai:Eine Hürde, die viele nicht bereit sind zu nehmen – Amadeu Antonio Stiftung (18.12.2020)

Amadeu Antonio Stiftung: Todesopfer rechter Gewalt

Alice Hasters: „Wer von sich behauptet, nicht rassistisch zu sein, hat eine enorme Fallhöhe“ (Interview)

Judy Katz: White Awareness, Oklahoma Press, 1989, S.15

Die Ebenen von Rassismus

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Frau mit Hijab liest in einem Cafe.
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Rassismus wird auf verschiedenen sozialen Ebenen mitgeteilt, weitergeleitet und reproduziert. Rassismus greift sowohl auf individueller, gesellschaftlicher und institutioneller Ebene ineinander. 

Übung: Verschränkte Ebenen

Ordne das Beispiel den Ebenen zu und überlege wie die Ebenen ineinandergreifen.

Beispiel: In einem Schulbuch wird eine stereotype und verletzende Darstellung einer Schwarzen Person abgebildet. Ein von Rassismus betroffenes Kind meldet sich und sagt zu der Lehrperson und den Schüler:innen, dass diese Abbildung nicht okay ist. Das Kind verweigert die damit zusammenhängende Schulaufgabe zu bearbeiten. Dieses Kind bekommt eine sechs. 

Individuelle Handlungen sind geprägt von (unbewussten) Vorurteilen und stereotypen Denkmustern oder im Extremfall sogar Hass. Die individuelle Ebene von Rassismus umfasst diskriminierendes Handeln von Einzelpersonen, wie z.B. die Verwendung rassistischer Sprache, Bildern oder Symbolen. Beispiele: Eine Unsensibilität gegenüber Schwarzen Menschen und PoC, wie die Frage „Woher kommst Du?“; die Bevorzugung weißer Gäste in einem Restaurant; das Anstarren und Beleidigen einer Frau mit Hijab.

Rassismus äußert sich auf institutioneller Ebene in diskriminierenden Politiken, Gesetze, Regeln und Organisationskulturen. Er zeigt sich auch in den Normen und Werten, die durch Institutionen durchgesetzt werden und so direkt oder indirekt bestimmte Gruppen benachteiligen. Beispiele hierfür sind: Polizeigewalt, Deutschsprachigkeit und christliche Religion als Norm, die Aberkennung von Qualifizierungen aus dem Ausland, Ausländerrecht, Zugänge zum Arbeitsmarkt, Notengebung in der Schule, Aufstiegschancen, Chancenvermittlung etc.

Die gesellschaftliche Ebene von Rassismus umfasst Wissen, Werte und Normen, die in öffentlichen Diskursen und Medien vermittelt werden. Das beinhaltet geteilte, historisch gewachsene stereotype Vorstellungen und Einstellungen. Beispiele hierfür ist das unkritische Reproduzieren rassistischer Vorstellungen, Bilder und Sprache in Medien oder einer eurozentrischen Sichtweise (z.B. in der Berichterstattung)

 

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Alltagsrassimus

Rassismus ist alltäglich und allgegenwärtig: Diese Form von Rassismus wird Alltagsrassismus genannt. Dies meint, dass wir oft unbewusst gewaltvolle Begriffe verwenden oder Betroffene durch scheinbar nett gemeinte oder neutrale Handlungen verletzen. Wir wissen und merken dies oft gar nicht, weil rassistische Denkmuster und Wahrnehmungen tief in unserer Gesellschaft verankert sind (siehe Kolonialzeit und Nationalsozialismus). Im Alltag wirkt Rassismus oft subtil, indirekt und unmerklich – und ist dennoch sehr gewaltvoll und kostet Betroffene täglich viel Kraft. So wird z.B. Deutschsein häufig mit Weißsein gleichgesetzt, wodurch Schwarze Deutsche und PoC immer wieder als „Fremde“ oder „Andere“ markiert werden. Deutschsein wird meist auch mit Christentum assoziiert und so werden beispielsweise Muslime als nicht zugehörig stigmatisiert. Auch vermeintliche Komplimente können diese rassistische Konnotation in sich tragen. Problematisch dabei ist, dass individuellen Personen aufgrund Ihres Aussehens oder ihrer Herkunft Merkmale zugeschrieben werden und ein bestimmtes Verhalten erwartet wird. Im folgenden Video von Montagskind werden Beispiele von Alltagsrassismuserfahrungen durch nachgespielte Konversationen aufgegriffen.

 

Nach: Broschürenreihe HAW: Menschen respektvoll begegnen

Alltagsrassimus

Beispiele für Alltagsrassismuserfahrungen:
Reproduziert von nicht-Schwarzen Deutschen

In dem Video Shit some white Germans say to Black Germans („Scheiß, den enige weiße Deutsche zu Schwarzen Deutschen sagen“) zeigt der Darstellende wiederkehrende rassistische Aussagen und Fragen, mit dene BIPoCs in Deutschland konfrontiert werden. Der Darstellende nimmt dafür zwei Rollen zugleich ein: die Rolle der Person, die Alltagsrassismus reproduziert und jene Rolle, einer Person, die von Alltagsrassismus betroffen ist. Die Fallbeispiele widmen sich: der Absprache des Deutschseins, der Vorstellung es gäbe eine afrikanische Sprache, Haare, deutsche Sprache und das N-Wort. Im Abspann werden zudem alltagsrassistische Mythen, wie alle Schwarzen seien miteinander verwandt oder die Vorstellung Afrika sei ein Land aufgegriffen.

Hä? Warum ist diese Frage so problematisch?

Diese Frage kann problematisch sein, weil die gefragte Person als (ursprünglich) nicht-deutsch identifiziert wird. Es findet eine Einteilung in „Wir“ und „die Anderen“ statt. Besonders häufig sehen sich Menschen, deren äußerliche Merkmale, wie Hautfarbe, Haarstruktur oder Körperbau als nicht-deutsch gelten, mit dieser Frage konfrontiert. Weißen Amerikaner:innen oder weißen Schwed:innen wird diese Frage selten gestellt. Hinter der Frage verbergen sich unbewusste, rassistische Denkmuster, wie: 

deutsch = helle Hautfarbe I dunkle Hautfarbe = nicht-deutsch; 

glattes, blondes Haar = deutsch I Afro= nicht deutsch; Kreuz um den Hals = deutsch I Hijab = nicht deutsch usw.

 

Deutsch steht oft als Synonym für weiß und christlich. Nationalität, äußere Erscheinung und/oder Religion werden hier miteinander verknüpft. Aussagen der fragenden Person, wie „Es interessiert mich doch nur.“ oder „Nee, woher kommst du wirklich?“, verschlimmern die Anfangsfrage. Denn nur eine selbstbestimmte Entscheidung der gefragten Person darüber, wann und wie viel sie über ihre persönlichen Geschichten und Erfahrungen teilt, ermöglicht ein respektvolles Miteinander und schafft Raum für unerwartete Gesprächsverläufe. 

Oft wird diese Frage auch wiederholt gestellt. Vor allem, wenn die Antwort nicht so, wie von der fragenden Person erwartet, ausfällt. Dies löst bei den befragten Menschen oft ein unangenehmes Gefühl aus und bringt sie in eine rechtfertigende Position. Denn die wiederholte Frage suggeriert, sie müssen sich rechtfertigen, warum sie „hier in Deutschland“ sind. Es wird erwartet, dass die befragte Person Unbekannten bei der ersten Begegnung ihre (Familien-)Geschichte erzählt. Diese kann mit traumatischen Erfahrungen verbunden sein und/oder ist einfach eine private Information. Gleichzeitig wird so auch subtil ein Teil deutscher Geschichte aberkannt, unsichtbar gemacht und abgesprochen, wie z.B. den Aufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg durch tausende von Gastarbeiter:innen oder Schwarze Deutsche Geschichte, die bis in das 18. Jahrhundert zurückgeht.

 

Nach: Broschürenreihe HAW: Menschen respektvoll begegnen

Alltagsrassimus

Bojadžijev, Manuela: Die windige Internationale.

Ciani-Sophia Hoeder: Warum lesen wir nichts über die Schwarz-deutsche Geschichte? | RosaMag (12.02.20)

Die Konstruktion dahinter:
"Wir" und "Die Anderen"

Rassismus funktioniert über die Einteilung in ein „Wir“ und ein „die Anderen“. Diese Grenzziehung verläuft anhand von vermeintlichen körperlichen oder kulturellen Differenzen wie z.B. Hautfarbe, Augenform, Haare, aber auch Religion, Name oder Sprache. Aussagen über „die Ausländer“ oder „die Muslime“ stellen diese als Gruppe her und grenzen sie von einem „Wir“ ab. Diese Einteilung ist nicht neutral. Sie enthält eine Bewertung „der Anderen“ und des „Wir“. Denn: mit ihr sind Aussagen dazu verbunden, wer „wirklich dazu gehört“. Die „Anderen“ werden durch Stereotype und Zuschreibungen geformt und bewertet. So sprächen „die Anderen“ zu schlecht Deutsch, seien temperamentvoller, faul oder undemokratisch. Oft ist die Bewertung „der Anderen“ eine Abwertung.

 

Dieses Prinzip hat eine lange, komplexe Geschichte. So wurden Afrikaner:innen beispielsweise während der Kolonialzeit als rückständig, faul, naturverbunden und wild stigmatisiert. Die rassistische Stereotypisierung von jüdischen Menschen reicht bis in die Antike zurück und die Konstruktion eines stereotypen Orients hatten bereits im 18. Jahrhundert Konjunktur. Die Abwertungen der „Anderen“ dien(t)en Zwecken von Ausgrenzung bis hin zu Ausbeutung und Vernichtung.

 

Aus: Broschürenreihe HAW: Menschen respektvoll begegnen: Alltagsrassimus

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Rassismus ist anpassungsfähig:
Kultur als Differenz

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Lange wurden biologische Unterschiede zur Konstruktion sogenannter „Rassen“ herangezogen. Heute wird statt „Rasse“ eher „Kultur“ als Begründung für Ausgrenzung und Abwertung verwendet. Interessanterweise werden dabei ähnliche Gruppen ausgeschlossen wie vorher bei den biologischen Rassenkonstruktionen. Der sogenannte „differenzielle Rassismus“ (Bojadžijev, 2012) oder auch „Rassismus ohne Rassen“ (Balibar, 1990) behauptet statt der Überlegenheit einer bestimmten „Rasse“ eher eine Unvereinbarkeit der eigenen Kultur mit der Kultur „Anderer“. Ein grundlegender Ausdruck dieser Form des Rassismus ist es, dass das Verhalten oder die gesellschaftliche Stellung von Menschen mit Migrationshintergrund auf kulturell unterschiedliches Denken und Handeln zurückgeführt wird. Diese Menschen werden dann zu Repräsentant:innen „ihrer“ Kultur. Das gleichzeitig konstruierte „Wir“ bleibt dabei unsichtbar.

„Rassismus ohne Rassen“ wird in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verortet und stellt eine verschleierte Form von „Rassen“-Einteilungen dar. Auf dieser Grundlage wurden beispielsweise die sogenannten Gastarbeiter:innen als Fremde und Ausländer markiert. Dies ging mit der Vorstellung einher, dass diese Menschen wieder in ihre Heimat zurückgehen würden – egal, ob sie bereits 30 oder mehr Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet hatten. Das Konzept des Ethnopluralismus ist ein aktuelles Beispiel für diese Form des Rassismus. Hier wird postuliert, dass Völker und Ethnien auf getrennten Territorien leben sollten, da ihre Kulturen angeblich unvereinbar seien. Ausgehend von dieser Argumentation wird dann beispielsweise gefordert, Menschen mit Migrationshintergrund in ihre „Heimat“ zurückzuschicken.

 

Nach:

Annita Kalpaka/ Nora Räthzel (Hg.) (1990/2017): Die Schwierigkeit nicht rassistisch zu sein. Hamburg: Argument.

Manuela Bojadžijev (2008/2012) Die windige Internationale. Rassismus und Kämpfe der Migration. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Hintergrund "Kolonialrassismus":
Rassismus als Rechtfertigung für die Bereicherung Europas

„Die Europäer waren nicht zu Sklavenhändlern geworden, weil sie Rassisten waren.

Sie wurden Rassisten, um Menschen für ihren eigenen Profit versklaven zu können.“, schreibt Tupoka Ogette, Anti-Rassismus-Beraterin und Trainerin, Autorin und Podcasterin.

 

Rassismus und Rassenkonstruktionen lieferten über vier Jahrhunderte die Rechtfertigung dafür Millionen Menschen zu versklaven, versklavte Menschen zu töten, Völker zu vernichten, Kulturen auszulöschen und Kontinente zu plündern. Rassismus war die moralische und ideologische Grundlage für die institutionelle und strukturelle Bereicherung Europas. 

Die Wirtschaft im Europa des 17. Jahrhunderts boomte. Dies war nur durch die Maafa (Sklaverei, Imperialismus, Kolonialismus, Invasion, Unterdrückung, Entmenschlichung und Ausbeutung) möglich. Doch für das „gute Gewissen“ der Europäer:innen brauchten sie eine Legitimation, um zu erklären: Wir dürfen ganze Generationen von Menschen unter Anwendung grausamster Methoden aus ihrer Heimat entreißen und sie unter Menschen unwürdigen Bedingungen zur Arbeit zwingen, um unsere eigenen wirtschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Daraus erwuchs die Idee der „Rassentheorie“. Im 17. Jahrhundert wurde der Begriff „Rasse“ erstmals auf Menschen angewendet. Es wurde fälschlicherweise und folgenschwer behauptet, dass „Rassen“ natürlich gegeben seien und ein relevantes Differenzkriterium seien. Es gibt viele verschiedene „Rassentheorien“ mit verschiedenen Aufteilungen und Farbbezeichnungen. Eines haben alle gemeinsam: In der Hierarchie steht die weiße „Rasse“ immer ganz oben, die Schwarze „Rasse“ ganz unten. Willkürlich wurden Merkmale den „Rassen“ zugeordnet. Ideologische Merkmale der weißen „Rasse“: entwickelt, zivilisiert, modern, erwachsen, etc. Ideologische Merkmale der nicht- weißen „Rassen“: unterentwickelt, unzivilisiert, traditionell, kindlich. Auch diese Merkmale wurden für biologisch und natürlich gegeben definiert. In der Kolonialzeit (und später in der NS-Zeit) wurden u.a. die Nasen und Köpfe von Schwarzen Menschen und jüdischen Menschen und vielen weiteren Menschen vermessen, um ihre vermeintliche „Rassen“-Zugehörigkeit pseudowissenschaftlich zu begründen. Bald breitete sich die Rassenkonstruktion auch außerhalb der „Naturwissenschaften“ aus und fand in der historisch-politischen Publizistik Verwendung. Philosophen, Kulturhistoriker und Schriftsteller verbreiteten die behauptete hierarchische Ordnung der menschlichen „Rassen“. Diese wurde so allgegenwärtig. Die Macht weißer Menschen konnte somit missbraucht werden, um diese Behauptungen durchzusetzen und im kollektiven Bewusstsein zu verankern. Die Rassenkonstruktion beinhaltete also einen klaren Zweck: Durch die Erfindung von „Rassen“ konnte die Maafa legitimiert werden. Wichtig zu verstehen ist: Es gibt keine „Menschenrassen“, sondern es handelt sich dabei um eine Konstruktion. Diese Konstruktion ermöglichte eine Vorstellung von der Welt in der „wir weißen Menschen“ kein schlechtes Gewissen für unser Verhalten haben müssen: Biologisch begründet seien „wir weißen Menschen“ nämlich da, um zu herrschen und „die Anderen“, um „von uns“ beherrscht zu werden. Mehr noch: Weiße Menschen müssten nicht-weißen Menschen helfen, sie belehren, sie erziehen und sie ggf. sogar vernichten, um sie vor sich selbst zu schützen. Die Ausbeutung durch Versklavung und Kolonialismus war mit der Erfindung von „Menschenrassen“ also scheinbar gerechtfertigt.

Nach: Tupoka Ogette, Exit Racism, 5. korr. Auflage, Okt. 2019, S. 39-40

Christian Koller: Was ist eigentlich Rassismus? | bpb (8.12.2015)

Übung: Wie lernen wir Kant kennen?

Lies dir das  Zitat von Immanuel Kant durch und beantworte im Anschluss die darunter stehenden Fragen für dich selbst. 

 

 

! Warnung: In dem Zitat wird Rassismus reproduziert!

„Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften. […] Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.“ Immanuel Kant

In: Patrick Spät: Der verschwiegene Rassismus (23.02.14)

Rassimus- und Sexismuserfahrungen
in der Medienarbeit

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CC-Lizenz: BY-ND

Lizenz: CC BY-ND Namensnennung, keine Bearbeitung; Video von: Team Diversify! für Diversify! Webseite für diversitätsbewusste Mediengestaltung

Videoaufnahme: Januar 2019

„Tja und dann musste ich mich halt auch irgendwie beweisen. (…) Wenn du nicht weiß bist, dann musst du irgendwie 2000 Prozent geben.“, sagt Poliana Baumgarten.

Poliana Baumgarten ist Videojournalistin und Filmemacherin und hat die empowernde Web-Serie Berliner Farben auf YouTube produziert. 

In diesem Interview spricht sie über Rassismus- und Sexismuserfahrungen in der Medienarbeit. Sie berichtet davon, wie ihr laufend ihre Fähigkeiten und Kompetenzen abgesprochen wurden und sie sich trotz dieser demotivierenden Erfahrungen durchgeschlagen hat.

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Hier kann du Grundkenntnisse über antimuslimischen Rassismus erlernen und erfahren, wie Mechanismen von antimuslimischen Rassismus in Deutschland wirken