VERSTEHEN: Heterosexualität als Norm

Welche Folgen hat es, dass wir meist unterhinter*fragt annehmen Menschen seien heterosexuell? Damit beschäftigen wir uns in dieser Lektion. Dazu betrachten wir, wie Heterosexualität jeden Tag von uns als normal und selbstverständlich hergestellt wird und wie sich diese Normalitätsvorstellung auf Gesetze auswirkt. Abschließend diskutieren wir noch, was die folgenreiche Einter*ilung in heterosexuell/nicht-heterosexuell mit der grundsätzlichen Funktionsweise von sozialen Normen zu tun hat.

Die Normalisierung von Heterosexualität

Dass Heterosexualität im Alltag als normal und selbstverständlich angesehen wird, wird daran deutlich, dass sich der Begriff des Coming-Out auf Schwule, Lesben, bisexuelle oder pansexuelle Personen bezieht und nicht auf heterosexuelle Menschen. Von LSBTI*Q-Personen wird erwartet, dass sie öffentlich machen nicht heterosexuell (z.B. schwul, lesbisch, bisexuell, pansexuell, queer, etc.) zu sein. Für Heterosexualität benötigt es anscheinend keiner öffentlichen Erklärung, denn: In unserer Gesellschaft wird automatisch davon ausgegangen, dass Menschen heterosexuell sind. Daher sind viele heterosexuelle Menschen irritiert, wenn sie gefragt werden, wann sie gemerkt haben, dass sie heterosexuell sind (Video von Queerblick).

Die Wirkung der Norm der Heterosexualität zeigt sich gut, wenn man – wie in der folgenden Präsentation – Fragen, die Schwulen und Lesben häufig gestellt werden, einmal umdreht.

Privilegierung heterosexueller Lebensweisen

Die Ungleichbehandlung von nicht-heterosexuellen Menschen zeigt sich auch an gesellschaftlichen Strukturen wie der Gesetzgebung. Bis 2017 bestehende Unterschiede zwischen der Ehe und der eingetragenen Lebenspartnerschaft machen deutlich, dass heterosexuelle und nicht-heterosexuelle Menschen rechtlich lange nicht gleichgestellt waren (siehe Lektion 2 (Diskriminierung erkennen Vertiefung)). Heterosexualität galt (und gilt vielen immer noch) als natürliche Form der Sexualität, verbunden mit einer Vorstellung von monogamen Paarbeziehungen.

Ein weiteres Charakteristikum, wie wir heterosexuelle Lebensweisen imaginieren, ist die Paarbeziehung. Die Ehe, aber auch die frühere paarförmige Organisierung von homosexuellen Partnerschaften durch das Lebenspartnerschaftsgesetz, wird hier als Gesellschaftsmodell bevorzugt behandelt. Sie ist Orientierung für Gesetzesentwürfe oder dafür, wie wir Wohnungen und unsere Städte bauen (Bauriedl 2013). Die Geschlechterforscherin Gisela Notz spricht davon, dass in Gesellschaften wie der Bundesrepublik Deutschland die Familie als Dreh- und Angelpunkt gesellschaftlicher Organisation gesehen werde. Genderforscher_innen fordern daher, Gesetze und Strukturen für eine Gesellschaft zu entwickeln, die sich nicht an heterosexuellen Paar-Standards orientieren (Hark, 2015). Nicht zuletzt deshalb, weil die Instabilität der Ehe zugenommen hat und die Vielfalt von Familienformen nicht abbildet (Huinink, 2009). So werden Alleinerziehende aufgrund des Ehegattensplitting im Vergleich zu verheirateten Paaren mit Kindern steuerlich stärker gefordert (FAZ, 2016).

Am Ende steht die Frage, ob es sinnvoll ist, ein kritikwürdiges System weiter auszuweiten, indem sich häufende Zusammenlebensformen durch vom Staat verordnete Gesetze «normalisiert» werden und damit wiederum andere daran gemessen und ausgegrenzt werden, wenn sie sich nicht in die familiale «Ordnung» fügen.

Die Kritik der Geschlechterforschung an der Normalisierung und Bevorzugung heterosexueller, paarförmiger Lebensweisen in unserer Gesellschaft zielt darauf ab, eine Gesellschaft zu schaffen, die Platz für vielfältige Formen des Zusammenlebens hat. Sie möchte Menschen nicht verbieten heterosexuell zu leben und wertet diesen Lebensentwurf keineswegs ab, sondern zeigt, dass es ein Lebensentwurf neben ganz vielen anderen ist.

Heterosexualität als soziale Norm

Die genannten Beispiele zeigen, dass Heterosexualität in unserer Gesellschaft die soziale Norm bildete und bildet. In Bezug auf die Norm der Heterosexualität bedeutet dies: Wenn eine Frau einen Mann liebt, wird das als normal angesehen. Wenn aber zwei Männer oder zwei Frauen sich lieben, gilt dies als Ausnahme oder Abweichung von der Norm. Genauso ist es, wenn eine Transpersonen einen Mann oder eine Frau oder auch eine andere Transperson liebt. So, wie die französische Philosophin Simone de Beauvoir es in den 50er Jahren für das Verhältnis von Männern und Frauen festgestellt hat – nämlich, dass Männer als das Original gelten und Frauen als die Abweichung, als “das andere Geschlecht”, kann dies auch für Homo- und Heterosexualität ausgedrückt werden: Nicht-heterosexuelle Menschen gelten als Original und normal, nicht-heterosexuelle Menschen als das Andere.

Die soziale Norm ist auch dadurch charakterisiert, dass sie immer die Abweichung sichtbar machen will – zum Beispiel durch ein Coming-Out, während sie selbst unsichtbar bleibt. Dadurch, dass die Norm ihr Anderes sichtbar macht, definiert sie sich selbst als alles das, was das Andere nicht ist. Wenn Frauen als irrational, emotional und fürsorgend dargestellt werden, dann bedeutet dies, dass Männer indirekt als rational und gefühlsarm definiert werden. Homosexuelle Männer werden als das Andere der heterosexuellen Männer konstruiert und abgewertet. Sie werden oft als überemotional und extrovertiert dargestellt. Es werden als weiblich geltende Eigenschaften benutzt um homosexuelle Männer abzuwerten.

Der effeminierte Schwule ist ein bekanntes Stereotyp, das heute auf die Mehrheit der männlichen Homosexuellen angewandt wird, nicht wie im beginnenden 18. Jahrhundert noch ausschließlich auf die homosexuellen Männer, die sich penetrieren lassen.

Die Kritik der Geschlechterforschung an der Normalisierung und Bevorzugung heterosexueller, paarförmiger Lebensweisen in unserer Gesellschaft zielt darauf ab, eine Gesellschaft zu schaffen, die Platz für vielfältige Formen des Zusammenlebens hat. Sie möchte Menschen nicht verbieten heterosexuell zu leben und wertet diesen Lebensentwurf keineswegs ab, sondern zeigt, dass es ein Lebensentwurf neben ganz vielen anderen ist.

Die Abwertung von LSBTI*Q-Menschen zeigt sich auch daran, dass böse und hinter*hältige Charaktere in Disney-Filmen häufig mit negativen Stereotypen über Schwule oder Lesben dargestellt werden (Video von Rowan Ellis). Als Regisseur Bill Condon in der Neuverfilmung von “Die Schöne und das Biest” im Jahr 2017 eine schwule Figur auftreten ließ, brach sofort eine heftige Protestwelle los bis hin zu Boykottaufrufen (Tagesspiegel, 2017).

Zusammenfassung

Heterosexualität als Norm bedeutet also: In unserer Gesellschaft wird erstens angenommen, dass Menschen heterosexuell sind. Zweitens, werden heterosexuell lebende Menschen oder Menschen, die sich am heterosexuellen Paarideal orientieren, rechtlich bevorzugt. Sie sind privilegiert im Vergleich zu Lesben, Schwulen oder queeren Personen. Darüber hinaus werden letztere diskriminiert, weil sie als anders, Ausnahme oder nicht normal dargestellt werden.