Kategorien
stARTcamp Beitrag 2019

DIY: 360°-Content

Die Themen Virtual Reality und 360°-Content gewinnen auch im Kulturbereich zunehmend an Bedeutung.

von Reza Kiani

Die Themen Virtual Reality und 360°-Content gewinnen auch im Kulturbereich zunehmend an Bedeutung. So hat das Google Arts & Culture Programm das Thema weltweit stark vorangetrieben, aber auch lokale Projekte wie “Speicherstadt digital” zeigen, wie sich immersive Medien zur Kulturvermittlung einsetzen lassen. Auch beim stARTcamp 2019 fanden die immersiven Medien mit Beiträgen zum virtuellen Orgelbau oder digitalen Realitäten an Gedenkstätten vermehrt statt. Da ich diese Entwicklungen sehr stark verfolge, wollte ich mit meiner Session “DIY: 360°-Content” das Thema etwas entmystifizieren und zeigen, wie man auch selbst ganz einfach 360°-Inhalte erstellen kann.

In diesem Beitrag möchte ich nicht nur meine Session zusammenfassen, sondern auch die Gelegenheit nutzen,  das Thema noch einmal etwas umfassender anzugehen. Hierfür habe ich den Beitrag in folgende drei Bereiche eingeteilt:

  1. Was bringt 360°-Content für den Kulturbereich?
  2. Die Session: 360°-Content – Do-it-yourself!
  3. Virtual Reality oder 360°-Content?

Was bringt 360°-Content für den Kulturbereich?

360°-Content lässt sich vor allem für zwei Bereiche nutzen, einmal um das Informationsangebot vor Ort zu erweitern und zum anderen, um Ausstellungen zu digitalisieren und unabhängig von Ort und Zeit zur Verfügung zu stellen. Und falls du dir jetzt denkst “das können Fotos doch auch”, dann empfehle ich zum 3. Teil Virtual Reality oder 360°-Content?“ zu springen, um die Unterschiede zu herkömmlichen Fotos / Videos und die Vorteile von 360°-Content zu erfahren.

Erweiterung des Informationsangebots vor Ort

Stell dir vor, du bist im Staatlichen Museum für Ägyptische Kunst und neben den vielen interessanten Exponaten, hast du die Möglichkeit, dich direkt auf die Pyramide von Gizeh zu teleportieren. Von der Pyramidenspitze aus kannst du dich umschauen und ein Guide erzählt dir mehr über die historischen Fakten zum Bau. Wer es noch ein bisschen spannender mag, macht gleich eine Zeitreise und schaut beim Bau der Pyramiden zu. Ja, Teleportation und Zeitreisen sind (noch?!) nicht möglich, braucht man aber auch gar nicht, denn die VR-Brille und der passende Content machen es möglich!

Mehr Aufmerksamkeit

Das obige Beispiel kann dann nicht nur vor Ort konsumiert werden, sondern auch online (Homepage / YouTube) eingebunden werden, um somit eine viel größere Reichweite zu erzielen. Es sorgt für ein modernes Image (denn noch kann man sehr gut den Hype von VR nutzen) und kann auf eine interaktive und spielerische Art (Stichwort: Infotainment) die Aufmerksamkeit für das Thema steigern. Es können auch Teile von Ausstellungen (vor allem spannend bei temporären) im Rahmen eines virtuellen Rundgangs aufgezeichnet werden, um so die Nutzer*innen anzuteasern. Siehe hier bspw. die temporäre Ausstellung “Wir sind Sterne” im Planetarium Hamburg oder die Absolvent*innenausstellung der HFBK.

Angst vor ausbleibenden Besucher*innen

Ich kann mir vorstellen, dass einige jetzt befürchten, dass dann keine Besucher*innen mehr real vorbei kommen, wenn vieles bereits online zugänglich ist. Die Sorge ist natürlich legitim, hierzu möchte ich aber folgende Punkte einwerfen:

  • Man muss nicht alles zeigen! Die Visualisierung eines bestimmten Teilbereichs kann Besucher*innen anteasern und somit das Interesse für einen realen Besuch steigern.
  • Orte, die für Besucher*innen nicht zugänglich sind, können virtuell begehbar gemacht werden, siehe bspw. den altehrwürdigen Wasserkessel im Planetarium Hamburg, zu dem Besucher*innen normalerweise keinen Zugang haben.
  • „Unabhängig von Ort und Zeit“ habt ihr die Möglichkeit Kultur über alle Grenzen hinweg zu präsentieren und dadurch den Pool an Interessierten und somit potentiellen Besucher*innen enorm zu steigern. Und auch wenn es nur virtuell ist, der barrierefreie Zugang ist ebenfalls nicht zu vernachlässigen.
  • Last but not least: Ein virtueller Besuch ersetzt nicht den realen Besuch (zumindest noch nicht, die Matrix lässt grüßen 😉) oder reicht es euch etwa, sich schöne Strand-Fotos NUR anzuschauen?

Die Session: 360°-Content – Do-it-yourself!

So, nachdem jetzt geklärt ist, was 360°-Content für den Kulturbereich tun kann, möchte ich zum Hauptteil meiner Session übergehen, indem es darum ging, wie man einfach und relativ kostengünstig 360°-Content selbst erstellen kann.

“Technologie entwickelt sich schnell weiter”, das haben wir ja häufig genug gehört. Zum Glück für uns, denn die ersten 360°-Kameras für den Konsumentenbereich, wie bspw. die Samsung Gear 360 haben doch sehr besch…eidene Aufnahmen gemacht. Mittlerweile gibt es aber Geräte wie die GoPro MAX (Preis: ca. 530 €) oder die Insta360 One X (Preis: ca. 460 €), die ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten und vor allem relativ einfach in der Handhabung sind, so dass man kein*e gelernte*r Medientechniker*in sein muss, um diese zu nutzen. Dementsprechend konnte auch ich alter BWLer – ohne unseren Medientechniker Tobi – bei meiner Session einfach ein 360°-Foto machen und es teilen. Bei der Insta360 One X wird bspw. gleich die passende Software mitgeliefert, welche über das eigene Smartphone bedient wird und auch einfache Bearbeitungsmöglichkeiten zulässt. Hierdurch kann man auch schnell vor Ort Aufnahmen erstellen und diese dann bspw. direkt über die sozialen Kanäle teilen. Einsatzmöglichkeiten hierfür sind bspw.:

  • Eröffnung(sfeier) von neuen Ausstellungen
  • Teilbereiche einer Ausstellung, um diese in regelmäßigen Abständen anzuteasern
  • Umbau von Ausstellungen (Vorher-/Nachher-Vergleich)
  • Und natürlich die allgemeine Dokumentation, vor allem bei temporären Ausstellungen.

Make or Buy?

Wie so häufig gibt es auch hier mal wieder die Antwort: Es kommt drauf an! Was soll genau am Ende herauskommen? Einfache 360°-Bilder/-Videos oder eher hochwertige Experiences, wie das obige Pyramidenbeispiel? Soll regelmäßig 360°-Content produziert und geteilt werden oder nur einmalig? Je nachdem, wofür sich entschieden wird, lohnt es sich eher günstiges Equipment zu besorgen und die Einarbeitungszeit zu investieren oder dann doch Expert*innen aus einer Produktionsagentur heranzuziehen (hallo, i bims, omnia360 😊).  

Virtual Reality oder 360°-Content?

“Moment mal, ich dachte es geht hier um Virtual Reality?!” mag sich die eine oder der andere denken. Tja, für diese Person(en) wird dann der folgende Teil ein paar Einsichten liefern, denn VR ist nicht gleich VR und schon gar nicht 360°-Content…oder doch?

Um das zu verdeutlichen, lohnt sich ein kurzer Blick in die Definition der beiden Medienformen: Virtual Reality kommt ursprünglich aus der Computergrafik und bezeichnet eine 3D-generierte Welt, die sich mit geeigneten Hilfsmitteln (bspw. VR-Brille und Controller) interaktiv und in Echtzeit erleben lässt. Was ist mit „in Echtzeit“ gemeint?! Damit ist gemeint, dass die Anwendung auf die individuelle Interaktion der jeweiligen Nutzenden sofort reagiert, und nicht, wie bspw. bei einem Film, schon alles vorgegeben (da bereits gedreht) ist. Wir tauchen also mit einer VR-Brille in eine programmierte Welt ein und können beispielsweise virtuell eine Orgel bauen. Oder eben auch nicht, wenn wir uns zu doof dafür anstellen.

360°-Technologie hat ihren Ursprung hingegen in der Film- und Videotechnik. Statt einem fest vorgegeben Bildausschnitt, wie bei klassischen Bild-/ und Videoaufnahmen, können Nutzende den Bildausschnitt selbst bestimmen. Das kennt man bereits von Panoramabildern, wo so viel Bild aufgezeichnet wurde, dass man in der Regel gar nicht alles “auf einen Blick“ anschauen kann. Bei 360°-Content handelt es sich auch um Panoramaaufnahmen, jedoch um Kugelpanoramen. Das könnt ihr euch so vorstellen, als würdet ihr in der Mitte einer hohlen Kugel stehen, bei der die gesamte Innenfläche dieser Kugel eine Leinwand darstellt. Nutzer*innen können sich nun per Blicksteuerung umschauen und verschiedene Ausschnitte ins Visier nehmen. Um ein Kugelpanorama zu erschaffen, müssen wir also gleichzeitig in alle Richtungen aufnehmen und der Bildausschnitt wird nicht mehr von den Produzierenden festgelegt, sondern von den Zuschauenden. Somit erschaffen wir mit 360°-Content in der Regel keine neue virtuelle Welt, sondern nehmen den Ist-Zustand auf (Reality Capture) und ergänzen ihn im besten Fall mit einigen interaktiven Elementen.

Die 360°-Aufnahmen können wir anschließend auch mit der VR-Brille anschauen und genau das ist wohl der Hauptgrund, weshalb 360°-Content so häufig der Virtual Reality zugeordnet und die Begriffe synonym verwendet werden. Und der Konsum mit VR-Brille ist auch zugleich einer der großen Vorteile von 360°-Content im Gegenzug zu klassischen Medienformaten, denn dadurch wirkt der Inhalt viel immersiver, sprich die Nutzer*innen können viel stärker in die Welt eintauchen und werden dadurch von den Inhalten stärker/emotionaler betroffen. Im Gegensatz zu Virtual Reality kann aber 360°-Content auch über PCs und Smartphones angeschaut werden, wodurch eine viel höhere Reichweite erzielt werden kann.

Für die Personen, die es jetzt noch nicht ganz verstanden haben: Macht euch keinen Kopf! Die Unterschiede sind teilweise schwierig nachzuvollziehen und auch unter Expert*innen gibt es teilweise hitzige Diskussionen, was nun genau was ist. Von daher, genieße einfach die Anwendung und lass dich in virtuelle oder reale Welten entführen!