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stARTcamp Beitrag 2019

Was die Open-Access- und die OER-Community voneinander lernen können

Warum findet so wenig Austausch statt? Wie können wir diese Trennung ggf. überwinden, und was können wir dadurch gewinnen?

von Katharina Schulz und Gabi Fahrenkrog

Was sind Open Educational Resources (OER)?

Urheber*innen und Autor*innen, die Rechteinhaber*innen von Lehr- oder Lernmaterialien und Werken, dürfen allein bestimmen, wer was mit den von ihnen veröffentlichten Werken tun darf. Nach geltendem Urheberrecht darf man so ziemlich nichts mit einem Material machen, ohne vorher beim Urheber oder bei der Urheberin eine Erlaubnis eingeholt zu haben. Das ist umständlich, zumal eine solche Erlaubnis in der Regel auch nur für diesen einen Fall erteilt wird.

Rechteinhaber*innen können ihre Materialien aber unter einer freien Lizenz, etwa den weit verbreiteten Creative-Commons-Lizenzen, veröffentlichen und zur Verfügung stellen. Mit einer freien Lizenz wird allen Menschen pauschal die Erlaubnis erteilt, die Materialien zu nutzen, zu kopieren, zu bearbeiten, zu verändern und auch veränderte Materialien weiterzugeben.

Ein Lehr-Lernmaterial, das unter einer freien Lizenz veröffentlicht wurde, ist eine Open Educational Resource (OER).

In Deutschland ist das Thema OER seit etwa 2012 verbreitet. Ab 2016 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung den Aufbau und Betrieb der Informationsstelle OER sowie verschiedene OER-Projekte in den Bereichen Schule, Hochschule, Berufsbildung und Erwachsenenbildung.

Gleichzeitig hat sich eine wachsende OER-Community entwickelt. An offener Bildung interessierte Menschen treffen sich bei Fachveranstaltungen, wie etwa den OERcamps, um sich auszutauschen und um an gemeinsamen Projekten zu arbeiten, mit dem Ziel, das Thema OER weiter ins Bewusstsein von Lernenden und Lehrenden zu bringen.

Open Access

Mit Open Access soll wissenschaftliche Information, also wissenschaftliche Literatur und wissenschaftliche Materialien, für alle Nutzerinnen und Nutzer frei zugänglich gemacht werden, d. h. kostenlos und möglichst frei von technischen und rechtlichen Barrieren. Dies sorgt u. a. für größere Sichtbarkeit von Forschungsergebnissen und fördert den wissenschaftlichen Austausch.

Zahlreiche Förderer und Institutionen in Deutschland und Europa erwarten die Bereitstellung von Forschungsergebnissen im Open Access. So soll sichergestellt werden, dass die Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung sichtbar und (nach-)nutzbar sind und der Gesellschaft allgemein zur Verfügung stehen.

Einer der Impulse für die Entstehung der Open-Access-Bewegung war, dass die Kosten für die Subskriptionen von wissenschaftlichen Zeitschriften in den 1990er Jahren begannen, immer weiter zu steigen. Hochschulbibliotheken mussten immer höhere Abonnementgebühren für den Zugang zu Forschungsergebnissen zahlen, die größtenteils aus öffentlichen Geldern gefördert wurden. Mit dem Internet entstand gleichzeitig die Möglichkeit, Texte und Informationen weltweit kostenlos zugänglich zu machen. Im Jahre 2003 wurde dann von verschiedenen großen Wissenschaftsorganisationen die Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen verabschiedet. Das Ziel ist, die Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung frei zugänglich zu machen.

Es gibt verschiedene Wege, open-access zu publizieren; die wichtigsten sind der Goldene und der Grüne Weg. Beim Goldenen Weg erscheint ein Artikel direkt bei der Erstveröffentlichung in einem Open-Access-Journal und steht somit sofort weltweit frei zur Verfügung. Dabei fallen für die Verlage i. d. R. Kosten für die Qualitätssicherung, die Redaktion und die Veröffentlichung an – Open-Access-Verlage erheben daher oft sogenannte Article Processing Charges (APC). Autor*innen an Hochschulen können hierfür oft Förderung von ihren Fachbereichen oder Bibliotheken erhalten, z. B. aus einem Publikationsfonds.

Vom Grünen Weg spricht man, wenn ein Artikel, der zuerst in einer traditionellen Subskriptionszeitschrift erschienen ist, an anderer Stelle im Open Access zweitveröffentlicht wird. Meist sehen die Verträge mit den Verlagen vor, dass dies erst nach einer gewissen Embargofrist geschehen darf, z. B. einem Jahr. Für die Zweitveröffentlichung stellen viele Hochschulen einen Publikationsserver bereit, des Weiteren gibt es Fachrepositorien.

Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von anderen Modellen, die die Transformation hin zum (weitestgehend) flächendeckenden Open Access fördern sollen, darunter die DEAL-Verträge, die bisher mit den großen Verlagen Wiley und Springer Nature bestehen. Der Ansatz ist hier, mit den Verlagen zusammenzuarbeiten, um das Geld, das ausreichend im System vorhanden ist, so umzuverteilen, dass die Verlage keine Verluste machen, und dabei dennoch ein Großteil der wissenschaftlichen Veröffentlichungen dieser Verlage im Open Access bereitgestellt wird. 

Unsere Session

Ein gemeinsamer Nenner der OER- und der Open-Access-Bewegungen ist die Tatsache, dass sie die bestehenden Systeme transformieren wollen. Als Teil der Openness-Bewegung streben sie danach, Wissen für alle frei zugänglich zu machen. Im Detail unterscheidet die beiden Strömungen jedoch viel, und es findet erstaunlich wenig Austausch zwischen den Communities statt.

Daher beschäftigte uns in unserer Session die Frage: Was können die Open-Access- und die OER-Community voneinander lernen? Warum findet so wenig Austausch statt? Wie können wir diese Trennung ggf. überwinden, und was können wir dadurch gewinnen?

Ein möglicher Grund für den mangelnden Austausch könnten die unterschiedlichen Zielgruppen und -setzungen sein. OER sind vor allem im Kontext formaler Bildung in Schulen, Hochschulen (Lehre), sowie in der Berufs- und Weiterbildung relevant. Open Access bezieht sich dagegen praktisch ausschließlich auf den Bereich des wissenschaftlichen Publizierens an Hochschulen. Zudem ist bei OER die Nachnutzbarkeit im Sinne der Veränderbarkeit ein zentraler Punkt: Die Materialien sollen so veröffentlicht werden, dass andere sie verändern und für ihre Zwecke anpassen dürfen. Bei Open Access steht zunächst der freie Zugang im Vordergrund: Forschungsergebnisse sollen ohne Einschränkungen rezipiert werden können, damit weitere Forschung (aber auch Lehre) darauf aufbauen kann. (Der Ursprungsgedanke der Berliner Erklärung schließt jedoch auch die Bearbeitbarkeit mit ein.) 

Die Open Access-Community ist älter als die OER-Community. Sie verfügt daher über eine größere Erfahrung und ist zudem vergleichsweise stark professionalisiert. Von diesen Erfahrungen – Erfolgen ebenso wie Fehlschlägen – könnte die OER-Community lernen. OER werden oft von überzeugten Lehrenden erarbeitet. Möglicherweise gerade weil das Thema für viele OER-Aktivist*innen eine Herzensangelegenheit ist, ist die OER-Community sehr gut vernetzt und aktiv. Von dieser guten Zusammenarbeit und informellen Vernetzung könnte wiederum die Open-Access-Community sich etwas abschauen – Open-Access-Barcamps sind z. B. eher eine Seltenheit.

In der Open-Access-Community findet sich viel Wissen zu technischen Lösungen, Workflows und Geschäftsmodellen rund um wissenschaftliche Publikationen. Dieses Wissen könnte der OER-Community zugutekommen, da eine der großen Fragen beim Thema OER ist, wie Materialien abgespeichert, auffindbar und zugänglich gemacht werden können.

Auch im Bereich Lizenzierung können die Bewegungen voneinander lernen: Open-Access-Texte werden oft nicht mit einer CC-Lizenz veröffentlicht, da die Bearbeitbarkeit nicht im Vordergrund steht. Teilweise geschieht dies jedoch aus Unwissen, und so manche*r Autor*in würde vielleicht eine CC-Lizenz wählen, wenn er oder sie besser informiert wäre.

Uns wird die Frage, was beide Communities eint und wie sie miteinander in den Austausch gebracht werden können, auch weiterhin beschäftigen. Wir freuen uns über weitere Interessierte, die sich dazu austauschen und mitdenken mögen.

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