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stARTcamp Beitrag 2019

Virtual time travels? Digitale Realitäten an Gedenkorten

Welche Wege von Interaktion und Storytelling sollten künftig in der digitalen Vermittlung an Gedenkorten ein Rolle spielen

von Dr. Iris Groschek, KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Wie digital ist Erinnerung? Wie virtuell darf Gedenken sein? Die Session „Virtual time travels?“ fragte, welche Wege von Interaktion und Storytelling künftig in der digitalen Vermittlung an Gedenkorten eine Rolle spielen sollten. Was sagen Stichworte wie Hologramm – Immersion – Gamification – Reenactment – Simulation in diesem Zusammenhang? Sind das Begriffe, die in der Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus insbesondere an Orten von NS-Verbrechen eine Rolle spielen sollten? Wo macht die Einbeziehung digitaler Vermittlung Sinn? Wo wird es übergriffig? Wo wird es überwältigend? Wo wird es verharmlosend?

In der Session wurden vor allem Begriffe geklärt und verschiedene Beispiele für aktuell genutzte unterschiedliche Formen von Virtual und Augmented Reality an Gedenkstätten aufgezeigt. Anschließend wurde offen und kontrovers diskutiert, welche Formate in den Augen der Sessionteilnehmenden Potential für die Vermittlung haben und wie weit die Akzeptanz bei verschiedenen Formaten geht. Dabei wurden sowohl Vorteile als auch Gefahren im Einsatz rein digitaler Vermittlungstools deutlich. Diskutiert wurden insbesondere Möglichkeiten der Interaktivität, der Non-Linearität, des Storytellings, der Immersion und der Rolleneinnahme. Dabei wurden vor allem die letzten beiden Punkte kontrovers besprochen, während Interaktivität und Non-Linearität vor allem positiv bewertet wurden. Die Diskussion wägte Formen der Emotionalisierung ab und fragte, wie und in welchen Fällen Verstand und Nachdenken angeregt werden. Ein besprochener Aspekt war, dass digitale Angebote immer auch den Bezug zum tatsächlichen Ort und zu realem Geschehen herstellen sollten. Erweckte Emotionen wurden von Sessionteilnehmenden nicht negativ gesehen, sie sollten aber nicht das Ziel der Vermittlung sein. Entstandene Emotionen könnten auch der Anstoß von Interesse und damit Teil des Lernangebots sein. Dabei wurde auch über Angemessenheit diskutiert. Wer entscheidet über Angemessenheit? Und wie haben digitale Möglichkeiten die Sicht auf Authentizität verändert? Letztlich sei nicht die Form das Entscheidende, sondern der vermittelte Inhalt und das Framing. Auf Gefahren von Überwältigung und daraus folgender Abwehr sowie der aus Historikersicht falschen Annahme, eine „Realität“ könne wiedererweckt werden, wurde hingewiesen.

Graphic Recording von Martina Schradi

Im ersten Teil der Session wurden folgende VR-Angebote vorgestellt: Die an oder über (KZ-)Gedenkstätten angebotenen VR-Anwendungen haben aktuell unterschiedliche Schwerpunkte und zeigen damit eine große Bandbreite von Möglichkeiten. Die einfachste Form von VR sind 360-Grad-Rundgänge, die auf virtuelle Weise durch einen realen Ort führen und so auch einen nicht-analogen Besuch ermöglichen. Beispiele dafür sind die virtuelle Tour durch das Auschwitz Museum (http://panorama.auschwitz.org/ interaktiv, non-linear, mit Points of Interest (POI), 2014) oder der virtuelle Rundgang durch sonst nicht frei zugängliche Gebäude in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Klinkerwerk https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/ausstellungen/neuengamme/klinkerwerk/ und Wachturm https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/ausstellungen/neuengamme/lager-ss/wachturm/ POI, 2019). Solche abbildenden Angebote haben immer auch Anteile von zusätzlicher Information z.B. in der Form von zusätzlichen Texten oder historischen Bildelementen. Andere 360-Grad-Rundgänge ergänzen bestehende Orte durch rekonstruktive Anteile. Bsp: Secret Annex des Anne Frank House Amsterdam, ein 360-Grad-Rundgang durch einen virtuellen Ort – der „Secret Annex“ ist nicht so abgebildet, wie er heute aussieht, sondern in Form einer Rekonstruktion, wie er zur Zeit, als Anne Frank sich dort versteckte, ausgesehen haben könnte – inklusive interaktiv zu bedienenden Medienelementen und POI, nicht linear (https://www.annefrank.org/en/anne-frank/secret-annex/ 1. Version 2009). Ein weiteres Beispiel ist die WDR 360-Grad-Doku Inside Auschwitz (siehe https://www.youtube.com/watch?v=QwC5d75iTcA), hier wird der virtuell zu begehende Ort der Gedenkstätte ergänzt durch Medien, es wird Storytelling angeboten durch Zeitzeug*innen, die (in VR) vor Ort stehen und über ihre Erfahrungen berichten, d.h. es wird lineares Storytelling betrieben, nicht interaktiv, ein realer Ort, eine reale Person. The Last Goodbye (Pinkas Gutter in Majdanek), ein Angebot der USC Shoah Foundation (2017) wiederum arbeitet mit einem emotionalen und emotionalisierenden Storytelling, ist linear, eine reale Person wird in einen real existierenden aber auch in Teilen rekonstruierten Ort gesetzt https://www.youtube.com/watch?v=rOgtLhHSjy0. Einen Schritt weiter gehen Angebote, die verschieden große Anteile von Immersion und Reenactment aufweisen und Rollenzuweisungen für die Nutzenden anbieten, Bsp: Gedenkstätte Hohenschönhausen (2017) https://youtu.be/lXldN4obTys; https://www.youtube.com/watch?v=wvGzg9-WJFY [Storytelling, emotional, immersiv (Akteur), reenactment in Originalumgebung], 6×9 Solitary Confinement https://www.youtube.com/watch?v=odcsxUbVyZA&feature=youtu.be, Manipulierte Geständnisse Deutschlandfunk Kultur (2017) http://blogs.deutschlandradiokultur.de/stasiverhoer/ [Storytelling, immersiv, Zuschauer, Original-Dokumente, virtuelle Umgebung], Berlin Blitz 1943 (2018) https://www.youtube.com/watch?v=hdIlSV3SqY0 [Storytelling, immersiv, Zuschauer, Original-Audio, virtuelle Umgebung]

Diese Vorstellung von verschiedenen Angeboten in VR an Gedenkstätten wurde durch kurze Hinweise zu kombinierten VR- und AR-Angeboten (gutes Beispiel die App der Gedenkstätte Bergen-Belsen 2013 https://www.sueddeutsche.de/digital/virtuelle-realitaet-auf-zeitreise-1.3522125) ergänzt. Angedeutet wurden auch Angebote wie die Möglichkeit einer „virtuellen Unterhaltung“ mit Shoah-Überlebenden, wie ihn das Projekt New Dimensions in Testimony der USC Shoah Foundation anbietet (https://www.youtube.com/watch?v=woxb_NPfxjI). Dies wurde zur Grundlage der Session-Diskussion zu Risiken – und Chancen – ergänzender virtueller Geschichtsvermittlung an Gedenkorten genommen, die, wie angedeutet, auch kontrovers geführt wurde. Wie virtuell darf und wie digital sollte Erinnerung, Gedenken und historisch-politisches Lernen sein und wer setzt die Maßstäbe?

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