VERSTEHEN: Historische Beispiele der Konstruktion des anatomischen Geschlechts

Zwei Geschlechter werden eingeteilt ...

Feministische Historiker*innen haben herausgestellt, dass die Vorstellung vom anatomischem Geschlecht als zweigeteilt in Mann und Frau durchaus nicht immer vorherrschend war und ein eher junges Phänomen darstellt. Sie konnten zeigen, dass die Einter*ilung in Männer und Frauen, wie wir sie kennen, keine natürlich Ordnung ist, sondern auch eine gesellschaftlich gemachte. Diese Ordnung wurde erst im 18. Jahrhundert mit der Ausbreitung der ‚westlichen‘, bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft hervorgebracht.

Der US-amerikanische Geschichtswissenschaftler Thomas Laqueur hat beispielsweise in seiner Studie „Auf den Leib geschrieben“ (1996) herausgearbeitet, dass bis zum Ende des 17. Jahrhunderts in vielen Regionen politische, wirtschaftliche, aber auch alltägliche Vorstellungen von einem Ein-Geschlechter-Modell geprägt waren. Der Unterschied zwischen Männer und Frauen war darin weniger fundamental. Vielmehr galten Frauen als unvollständige Männer, wie auf der folgenden Abbildung zu sehen ist:

Hier gibt es den Text zu den Folien.

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Mit der Vorstellung, dass der Mann das Ideal, die Frau das Andere, die Abweichung oder das Defizitäre darstellt – die, deren Geschlecht innen bleibt –, war zwar schon zu dieser Zeit ein hierarchisches Geschlechtermodell vorherrschend. Die Unterscheidung zwischen den biologischen Geschlechtern war jedoch nicht so strikt und Geschlecht war etwas, das prinzipiell veränderbar war. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass es auch eine gesellschaftliche und politische Frage ist, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern zählen und wie sie inter*pretiert werden und wurden.