VERSTEHEN: Heteronormativität

Schwule, Lesben, Inter- und Transpersonen sind auch in Deutschland gesellschaftlicher Diskriminierung ausgesetzt. In dieser Lektion wollen wir uns Theorien und Konzepte anschauen, mit denen erklärt werden kann, warum das immer noch so ist. Dazu führen wir die Erkenntnisse aus Lektion 4 (Norm der Zweigeschlechtlichkeit) und Lektion 5 (Norm der Heterosexualität) zusammen und stellen die analytischen Konzepte „Heterosexuelle Matrix“ und „Heteronormativität“ vor.

Die Heterosexuelle Matrix nach Judith Butler

Die US-amerikanische Philosophin und Geschlechterforscherin Judith Butler hat Anfang der 1990er Jahre in ihrem Buch “Das Unbehagen der Geschlechter” das Konzept der heterosexuellen Matrix verwendet um zu erklären, warum nicht-heterosexuelle Personen und Personen, die nicht in die Zweiteilung von Mann und Frau passen oder passen wollen, gesellschaftlich ausgegrenzt werden.

Im folgenden Video wird Judith Butlers Begriff der heterosexuellen Matrix erläutert.

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Judith Butlers Konzept der heterosexuellen Matrix beleuchtet, wie wir aus dem biologischen Geschlecht (sex) das soziale Geschlecht (gender) und das Begehren (desire) ableiten. Kategorisieren wir eine Person als biologischen Mann, erwarten wir, dass sich diese Person in der Öffentlichkeit wie ein Mann anzieht und verhält. Gleichzeitig gehen wir erst mal davon aus, dass er auf Frauen steht. An den beiden Normen der Zweigeschlechtlichkeit und der Heterosexualität orientiert sich unser Alltagshandeln und unsere gesellschaftlichen Strukturen. Der Preis ist, dass alle, die nicht der Logik der heterosexuellen Matrix entsprechen, ausgegrenzt, abgewertet oder gewaltvoll bestraft werden.

Heteronormativität nach Michael Warner

Der US-amerikanische Sozialwissenschaftler Michael Warner hat 1991 erstmals den Begriff Heteronormativität verwendet um die Marginalisierung und Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Trans- und Inter-Personen zu analysieren. Er analysiert die Verbindung der Norm der Zweigeschlechtlichkeit mit der Norm der Heterosexualität, um aufzuzeigen, wie das Zusammenwirken der beiden Normen zu Ausschlüssen, Diskriminierung und Gewalt führt.

Reflexionsübung zu Heteronormativität

Hast Du verstanden, was mit dem Konzept der Heteronormativität gemeint ist? Teste dein Wissen und analysiere damit einen Skelettfund: Den Fall der Liebenden von Modena!

> Arbeitsblatt – Die Liebenden von Modena

Weitere analytische Begriffe neben Heteronormativität

Die Kritik daran, dass Heterosexualität als einzig wahre Sexualität in unserer Gesellschaft angenommen wird und dass die Einteilung in zwei Geschlechter als natürlich gilt, hat eine längere Geschichte. Es gibt innerhalb der Gender Studies auch vielfältige Debatten um die Interpretation des Begriffs Heteronormativität und darum, ob vielleicht andere Begriffe besser geeignet sind.

Der folgende Zeitstrahl stellt weitere Begriffe und Konzepte vor, mit denen Forschende und Aktivist*innen versucht haben die Ausrichtung unserer Gesellschaft auf heterosexuelle, zweigeschlechtliche Lebensweisen zu beschreiben. Besonders (lesbisch-)feministische Theoretiker_innen zeigten bereits vor Michael Warner auf,

dass das System der Geschlechterungleichheit und die damit verbundene, geschlechtliche Arbeitsteilung sowie Formen der strukturellen und personellen Gewalt gegen und Diskriminierung von Frauen untrennbar mit einer institutionalisierten Form der Heterosexualität bzw. auch mit Rassismus und Klassenungleichheit verbunden sei bzw. durch diese wiederum immer neu eingesetzt und legitimiert werde.

Sie betonten stärker als Michael Warner und andere queere Theoretiker_innen, dass die Ausrichtung der gesamten Gesellschaft und die Sozialisierung von Frauen als heterosexuelle Frauen die männliche Dominanz sichere, also die Geschlechterhierarchie reproduziere.

Verschränkung von heteronormativen und rassistischen Ausgrenzungen

Besonders Schwarze und postkoloniale Forschende (Kosnick, 2016; Meléndez, 2011; Castro Borrego, 2011; Modood et al., 2006) betonen, dass gesellschaftliche Normvorstellungen über das richtige Geschlecht und die natürlich Sexualität auch mit abwertenden Vorstellungen über Migrant_innen oder Menschen aus dem globalen Süden verknüpft sind. Während der Kolonialzeit und auch danach wurde den Kolonisierten beispielsweise eine überbordende und ungezügelte Sexualität zugeschrieben, während sich weißen Europäer_innen als anständig und sittlich präsentierten.

Nicht-europäische Menschen wurden dementsprechend als sexuell unersättlich, deviant, unkontrollierbar und irrational konstruiert, die der >zivilisatorischen Domestizierung< und >Disziplinierung< bedurften.

Auch hier zeigt sich wieder die in Lektion 5 (Norm der Heterosexualität) dargestellt Funktionsweise von Normen: Sie werden dadurch bestimmt, dass sie ihr Anderes definieren und sichtbar machen, während sie selbst unsichtbar bleiben (Kelly, 2017; Dietrich, 2007: 40.

Geschlechterforschende betonen, dass Geschlecht und Sexualität als zusammenhängend gedacht werden müssen. Gleichzeitig sind die beiden Kategorien verwoben mit anderen Machtverhältnissen wie Rassismus, Klassenverhältnisse, Ausgrenzungen wegen physischer und psychischer Beeinträchtigungen oder Alter. Diese Verschränkungen von verschiedenen Ungleichheits- und Machtverhältnissen werden in den Gender Studies mit dem Konzept der Intersektionalität erfasst.

Quiz zu Heteronormativität

Geschafft! Das war die letzte Lektion der Lerneinheit zu Heteronormativität. Wir hoffen, dass es Dir Spaß gemacht hat. Hast du wirklich alles verstanden? Du kannst dein gesammelte Wissen in diesem Abschlussquiz zu Heteronormativität testen und uns gerne Feedback zur OER geben.

Auf zum nächsten Lernstrans*g!

Mit dieser Lektion endet der Lernstrans*g “Verstehen”. Du hast kennengelernt, wie Gender in der Geschlechterforschung diskutiert und verstanden wird. Im nächsten Lernstrans*g “Verändern” stellen wir dir verschiedene Politiken vor, mit denen versucht wird Geschlechterungleichheiten in Organisationen zu verändern.