VERSTEHEN: Zweigeschlechtlichkeit im Sport

Der Fall Caster Semenya

Intersexualität ist ein Thema, das wir gedanklich mit Sport erst einmal nicht verbinden. Für ein Aufrütteln zweigeschlechterlicher Strukturen im Sport sorgte im Jahr 2009 die inter*sexuelle Spitzensportlerin Caster Semenya. Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin holte sie die Goldmedaille. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF zweifelt jedoch an der Rechtmäßigkeit von Semenyas Sieg. Aufgrund ihrer tiefen Stimme und ihrer muskulösen Oberarme wurde vermutet, dass sie ein Mann oder inter*sexuell sei. Sie wurde aufgefordert sich einem Geschlechtstest zu unterziehen (Spiegel-Online, 2009) – mit uneindeutigem Ergebnis.

Nach endlosen Debatten über den Umgang mit Intersexualität im Sport durfte Semenya ihre Goldmedaillie schließlich behalten. Bei der WM in Rio 2016 entflammte die heftige Diskussion um Semenyas biologisches Geschlecht erneut (taz, 2016), da immer noch eine geschlechtliche Eindeutigkeit gefordert wird, die nicht der Realität entspricht. Die Medizinethik-Professorin Claudia Wiesemann schlägt daher vor, Personen lieber nach ihrem Geschlecht im Personalausweis für die Sportveranstaltungen einzuteilen. Wiesemann konstatiert:

Alle weiteren Tests sind sinnlos, weil die Varianz der Geschlechtsmerkmale so groß ist, dass es nicht immer ein eindeutiges Ergebnis gibt.

Das Beispiel Caster Semenya zeigt, wie die starre Einter*ilung von Chromosomen, Hormonen und Geschlechtsteilen in männliche oder weibliche mit der Realität konfligieren kann. Die Norm der Zweigeschlechtlichkeit basiert auf historisch gewachsenen gesellschaftlichen Vereinbarungen darüber, welche Geschlechter es gibt.

Zweigeschlechtlichkeit als Norm zu begreifen kann dabei helfen zu verstehen, wie biologische Varianzen in Kategorien sortiert werden, die die Komplexität des Gegenstands nicht widerspiegeln. Die Uneindeutigkeit der Geschlechtsbestimmung in unserem Beispiel wird so zum Problem, zur roten Ampel an der Kreuzung gesellschaftlich erlaubter Geschlechtsidentitäten. Die Norm der Zweigeschlechtlichkeit führt dazu, dass Menschen in Kategorien gezwungen werden, was zu Benachteiligungen und Gewalt führen kann. Zweigeschlechtlichkeit als Norm zu analysieren ermöglicht es uns, die Kategorien, in die wir Menschen einordnen, zu hinter*fragen statt Menschen dafür zu stigmatisieren, dass sie nicht in diese Kategorien passen.