VERSTEHEN: Zweigeschlechtlichkeit als Norm

In dieser Lektion setzen wir uns mit der Norm der Zweigeschlechtlichkeit auseinander, also mit den Folgen davon, dass wir Menschen in Männer und Frauen einter*ilen. Bevor wir uns die Norm der Zweigeschlechtlichkeit genau anschauen, klären wir zunächst, was gesellschaftliche Normen sind und wie sie wirken. Um leichter zu verstehen, worum es bei der Norm der Zweigeschlechtlichkeit geht, analysieren wird anschließend eine Abbildung. Danach schauen wir uns an, wie die Norm sich im Sport und in der Medizin auswirkt.

Die Norm der Zweigeschlechtlichkeit und die NASA-Plakette

Eine gesellschaftliche Verhaltenserwartung ist die soziale Norm der Zweigeschlechtlichkeit. Sie führt zu Ausschluss, Benachteiligung und Gewalt gegen all jene, die ihr nicht entsprechen.

Um zu verstehen, was mit der Norm der Zweigeschlechtlichkeit gemeint ist, analysieren wir eine Plakette der US-amerikanischen Aeronautik- und Raumfahrtbehörde (NASA). Diese Plakette verwendet der Literaturwissenschaftler Michael Warner in seinem Buch Fear of a queer planet ebenfalls um die soziale Norm der Zweigeschlechtlichkeit zu illustrieren.

In der folgenden Präsentation erläutern wir die Norm der Zweigeschlechtlichkeit anhand der NASA-Plakette.

Hier gibt es den Text zu den Folien.

Hier kannst du dir den Inhalt der Folien vorlesen lassen.

Zwei Aspekte von Zweigeschlechtkeit als Norm

Die Analyse der NASA-Plakette macht deutlich, dass die Norm der Zweigeschlechtlichkeit zwei Komponenten hat:

Erstens, werden Menschen in zwei gegensätzliche Geschlechter eingeteilt (Mann und Frau). Diese Einter*ilung wird als natürlich angenommen. Die Einter*ilung von Menschen in zwei Geschlechter wird permanent hergestellt, sowohl in gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen (Rechtssystem, Bildung, Arbeitsmarkt, …) als auch im alltäglichen Miteinander.

Die Selbstverständlichkeit von Zweigeschlechtlichkeit im Alltag zeigt sich beispielsweise daran, dass die erste Frage bei Babies lautet: Ist es ein Junge oder ein Mädchen? Können Menschen andere Menschen auf der Straße nicht eindeutig zuordnen, rufen sie schon mal hinter*her: Bist du ein Mann oder eine Frau? Oder sie gehen diese Menschen gar körperlich an. Und Kinder stellen Fragen wie: Aber du bist doch eine Frau, warum trägst du dann kurze Haare und weite Hosen? Ständig versuchen wir Menschen als geschlechtlich eindeutig oder uneindeutig einzuordnen, obwohl wir damit in der Realität häufig falsch liegen (Video von anyway.tv).

Es wird von allen Menschen erwartet, dass sie sich in dem Zwei-Geschlechter-System verorten. Die Norm der Zweigeschlechtlichkeit trifft folglich alle Menschen einer Gesellschaft, wenngleich in unterschiedlich starkem Maße. Darüber hinaus hängt die Norm der Zweigeschlechtlichkeit mit der Norm der Heterosexualität zusammen. Die beiden gegensätzlichen Geschlechter werden als natürlichweise aufeinander bezogen verstanden. Der Norm der Heterosexualität widmen wir uns inter*nsiver in der nächsten Lektion.

Zweitens, werden diese beiden Geschlechter hierarchisch angeordnet. Der Mann bildet die gesellschaftliche Norm und die Frau wird als bezogen auf den Mann gedacht. Dass die Einter*ilung und Hierarchisierung der Geschlechter sich über die Jahrhunderte entwickelt hat, wurde in der Lerneinheit zu “Gender” bereits erläutert.

Im Folgenden schauen wir uns die Wirkung der Zweigeschlechternorm anhand von zwei Beispielen aus den Bereichen  – Sport und Medizin – genauer an.