VERSTEHEN: Die soziale Konstruktion von Männlichkeit

Dass bei dem Konstruktionsprozess von Gender nicht nur zwei Geschlechter hergestellt werden, sondern hierarchische Geschlechterverhältnisse, ist auch Gegenstand eines Forschungszweiges, der sich explizit mit Männlichkeit auseinandersetzt: die Kritische Männlichkeitsforschung.

Kritische Männlichkeitsforschung

Kritische Männlichkeitsforschung (auch Men’s Studies genannt) analysiert, wie Männlichkeit und männliche Identitäten hergestellt werden.  Der Sozialwissenschaftler Michael Meuser fasst wie folgt zusammen, worum es bei Kritischer Männlichkeitsforchung geht:

Um das Mannsein, dessen alltagsweltliche Deutung und Bedeutung.​

Die Kritische Männlichkeitsforschung entstand in den 1980er Jahren und ist als Teil der Gender Studies (auch Geschlechterforschung genannt) ebenfalls ein interdisziplinäres Forschungsfeld.

Themen der Kritischen Männlichkeitsforschung sind beispielsweise: männliche Sozialisation, Jungenforschung, Männlichkeit und Arbeit, Männlichkeiten in Organisationen, Männergesundheit und Männergeschichte, Männlichkeit und Vaterschaft, etc.

Hegemoniale Männlichkeit nach Raewyn Connell

Raewyn Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit ist ein wichtiger theoretischer Bezugspunkt für Kritische Männlichkeitsforschung. Connell entwickelte das Konzept in dem 1999 erschienen Buch “Der gemachte Mann“, um die gesellschaftliche Verknüpfung von Männlichkeit und Herrschaft zu analysieren.

Connell beschreibt zwei Aspekte von Männlichkeit:

1. Es gibt unterschiedliche Formen von Männlichkeit, die miteinander konkurrieren.

2. Es existiert ein dominante (hegemoniale) Idee von Männlichkeit, der alle Männlichkeitsentwürfe untergeordnet sind.

Vier Männlichkeitskonzepte

Connell unterscheidet vier Männlichkeitskonzepte:

Die hegemoniale Männlichkeit bezeichnet die vorherrschende und innerhalb von einem historischen und kulturellen Kontext milieuübergreifend akzeptierte Form von Männlichkeit. Dieser Männlichkeit sind alle anderen Männlichkeitsentwürfe untergeordnet.

Die komplizenhafte Männlichkeit bezeichnet jene Männlichkeit, die in Form der “patriarchalen Dividende” von der Macht derjenigen Männer profitiert, die die hegemoniale Männlichkeit verkörpern. Viele Männer profitieren (teils unbewusst) von der Geschlechterungleichheit in unserer Gesellschaft. Sie haben einen Vorteil davon, dass Frauen bei der Besetzung von Führungspositionen benachteiligt und im Schnitt schlechter bezahlt werden als Männer.

Zur Gruppe der komplizenhaften Männlichkeit gehören, laut Connell, die meisten Männer.

Mit dem Begriff der marginalisierten Männlichkeit weist Connell darauf hin, dass Männlichkeit mit anderen Machtachsen wie Rassismus, Klassenverhältnisse oder BeHinderung verwoben ist. Männern, die von Rassismus betroffen sind, fällt es beispielsweise ungleich schwerer von der patriarchalen Dividende zu profitieren als weißen Männern.

Auf der untersten Stufe der Männlichkeitshierarchie stehen laut Connell homosexuelle und trans*geschlechtliche Männer. Diese Männlichkeiten stellen die heterosexuelle, hegemoniale Männlichkeit durch ihr Sein am stärksten in Frage. Andere Männlichkeiten versuchen häufig sich von Homosexualität oder Transgeschlechtlichkeit abzugrenzen und diese abzuwerten, um sich selbst aufzuwerten.

Die patriarchale Dividende

Connell argumentiert, dass trotz der Tatsache, dass nur wenige Männer den normativen Ansprüchen hegemonialer Männlichkeit (zum Beispiel weiß, muskulös, groß, etc.) entsprechen, die überwiegende Mehrzahl der Männer von der Vorherrschaft dieser Männlichkeitsform profitiert.

Mit dem Begriff der patriarchalen Dividende beschreibt Connell den allgemeinen Vorteil, der Männern aus der Ungleichbehandlung und Unterdrückung von Frauen erwächst. Diese Teilhabe an der patriarchalen Dividende müsse nicht damit einhergehen, dass Männer sich gewalttätig oder respektlos gegenüber Frauen verhalten.

Wenn ich von einer patriarchalen Dividende spreche, meine ich genau diese Interessen. Männer profitieren vom Patriarchat durch einen Zugewinn an Achtung, Presige und Befehlsgewalt. Sie profitieren aber auch materiell.​

Alle Männer profitieren, ob sie dies wollen oder nicht, davon, dass Frauen beispielsweise

  • als weniger durchsetzungsstark und damit weniger geeignet für Führungspositionen angesehen werden,
  • tendenziell selbstverständlich für Kinder und die Pflege von Angehörigen zuständig sind oder
  • für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden.

Je nachdem, ob Männer noch von Rassismus, Homophobie oder Behindertenfeindlichkeit betroffen sind, ist es für sie ungleich schwerer dem Ideal der hegemonialen Männlichkeit zu entsprechen. Sie profitieren daher in geringerem Maße von der patriarchalen Dividende oder müssen mehr Zeit und Energie aufwenden, um mehr von dieser Dividende zu profitieren.

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