Klassismus

Basics

Begriffsklärung

Die soziale Herkunft bezeichnet ein soziokulturelles Erbe

Das heißt Menschen erben die Ressourcen und Wertesysteme von ihren Eltern, ihrer Familie oder Bezugspersonen. Menschen werden von anderen auch anhand dieser vererbten Marker „erkannt“ und bewertet. Ein sozialer Aufstieg und ein Verändern von Verhaltensweisen und Wertesystemen ist möglich. Oft ist die soziale Herkunft jedoch tief in unser Unterbewusstsein und unsere Körper eingeschriebenSo ist z.B. der wirtschaftliche Aufstieg für ökonomisch schlechter gestellte Familien oft schwierig. 

Die soziale Herkunft ist kein eindeutig definierter Begriff. Je nach Kontext  werden unterschiedliche Aspekte betont wie z.B. Einkommen, Vermögen, Bildungsstand, Arbeitstätigkeit, Studienabschluss, Verhalten,  Armut, Aussehen, Sprache.

Klassismus ist eine unterschiedliche Behandlung von Menschen, die auf der (angenommenen) sozialen Herkunft beruht. Klassistische Diskriminierung funktioniert über eine wirkmächtige Zuschreibung von Wert oder Unwert und Fähigkeit oder Unfähigkeit. Gesellschaftlich entsteht so eine Hierarchie entlang der Kriterien: Erfolg, Status und Bildung. Ein Teil der Bevölkerung wird aufgrund der sozioökonomischen Position diskriminiert. Der sozial und ökonomisch dominante Teil wird hingegen privilegiert (bevorteilt) und kann so machtvollere Positionen besetzen. 

Basierend auf der Ausbildung und Berufsposition der Eltern werden bisweilen drei soziale Schichten unterschieden: untere, mittlere und obere Sozialschicht. Bei solchen Unterscheidungen werden der unteren Sozialschicht sowohl Arbeiter:innen als auch einfache Selbstständige und kleine Angestellte zugeordnet. 

Der Klassenbegriff ist auf eine marxistischen Theorietradition zurückzuführen: Die Arbeiter:innenklasse muss ihre Arbeitskraft verkaufen und besitzt keine Produktionsmittel. Im Gegensatz dazu steht die Klasse der Menschen, die Produktionsmittel besitzen (Kapitalist:innen). Produktionsmittel sind z.B Maschinen, Fabriken und ein großes Eigenkapital. Klasse ist ein stark politisierter Begriff, der häufig mit der Vision einer gerechteren (nicht kapitalistischen) Gesellschaft verbunden ist. Heute gibt es nicht mehr zwei Klassen, die klar von einander abgegrenzt werden können, wie damals als Karl Marx seine Theorie geschrieben hat. Heute wird daher eher von Schicht gesprochen.

Der Begriff Arbeiter:innenkinder entstand im Zuge der Industrialisierung. Er bezeichnete vor allem Menschen mit geringem Bildungsstand und niedrigem sozialem Status. Arbeiter:innenkinder mussten ihren Lebensunterhalt mit gering bezahlter Lohnarbeit bestreiten. Heute ist der Begriff schwerer abzugrenzen, da potenziell mehr Gruppen darunter fallen. In den Medien wird der Begriff häufig für Kinder verwendet, deren Eltern keine Akademiker:innen sind und die häufig körperliche Arbeit leisten. Im Gegensatz zu Arbeiter:innenkindern stehen folglich die Akademiker:innenkinder.

Mit diesem Begriff werden häufig Studierende bezeichnet, deren Eltern oder Bezugspersonen keine Hochschule besucht haben oder keine gymnasiale Schulbildung aufweisen.

Was ist Klassismus?

„Wenn aus der Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft – Klassismus – durch Autokorrektur oder Google-Vorschlag eine Kunstepoche – Klassizismus – wird, ist das ein zynisches Beispiel dafür, welches Wissen als wichtig erachtet wird. Gleichzeitig verdeutlicht es, wie unbekannt der Begriff Klassismus ist“ schreiben kikk – Klassismus ist keine Kunstepoche – auf ihrer Website.

Video abspielen
CC-Lizenz: BY-ND

Lizenz: CC BY-ND Namensnennung, keine Bearbeitung; Video von: Team Diversify! für Diversify! Webseite für diversitätsbewusste Mediengestaltung

Videoaufnahme: November 2018

„Klassismus ist ein System der Unterdrückung und Benachteiligung. Ein System der Diskriminierung aufgrund von sozioökonomischer Herkunft“ sagt Nenad Čupić .

Tanja Abou ist Social Justice Trainerin und Sozialarbeiterin und Nenad Čupić ist Trainer und Berater für Antidiskriminierung. In diesem Interview sprechen die beiden darüber, was Klassismus ist und was sie selbst mit Klassismus zu tun haben.

Shownotes

Leah Carola Czollek  

Heike Weinbach

 

Wer ist von Klassismus betroffen?

Da wir alle Teil der Gesellschaft sind, sind wir alle betroffen: Es gibt kein außerhalb des Klassismus. Dennoch werden manche Menschen durch Klassismus privilegiert und manche Menschen durch Klassimus diskriminiert. 

Von Klassismus werden besonders häufig folgende Gruppen diskriminiert:

Ein älterer Mensch neben einem Krankenhausbett an einem Gehgestell sich aufstützend.
Photo by @rawpixel.com from nappy.co

Wenn man keine Arbeit hat dann und so dann denken die Leute eben, dass man den ganzen Tag nur zuhause sitzt und sowieso kein Bock hat loszulaufen und ja, das glaube ich ist das was die Leute immer denken.

(anonymisiertes Interview nach Thomas Gurr 2018: 102)

Ich habe mich rausgezogen. Ähm. Na, die Faktoren waren einfach ich war selber mit mir unzufrieden, mein Selbstwertgefühl hat unheimlich gelitten. Ähm. Mein eigenes Schamgefühl, ähm, war irgendwann dann so ausgeprägt, dass ich mich von Kontakten distanziert habe.

(anonymisiertes Interview nach Thomas Gurr 2018: 103)

Obwohl viele Arbeitslose sich oft sehr um Arbeit bemühen und aktiv Netzwerke knüpfen erfahren sie Repressionen durch Ämter und Medien. Es werden Druck und Diskriminierung ausgeübt, sie müssen permanenten Überprüfungen standhalten und sich und ihre Situation rechtfertigen.

Klassismus und
das deutsche Bildungssystem

Video abspielen
CC-Lizenz: BY-ND

Lizenz: CC BY-ND Namensnennung, keine Bearbeitung; Video von: Team Diversify! für Diversify! Webseite für diversitätsbewusste Mediengestaltung

Videoaufnahme: November 2018

„Das deutsche Bildungssystem segregiert Menschen nach ihrer sozioökonomischen Herkunft und entscheidet deshalb auch darüber, wer es in Medienberufe schafft“ sagt Tanja Abou .

Tanja Abou ist Social Justice Trainerin und Sozialarbeiterin und Nenad Čupić ist Trainer und Berater für Antidiskriminierung. In diesem Interview sprechen die beiden über klassistische Diskriminierungen im deutschen Bildungssystem. Diese zeigen sich beispielsweise in der negativen Erwartungshaltung gegenüber Arbeiter:innenkinder.

Mittelschicht als Norm

Drei Schwarze junge Menschen, die zusammen auf einen Laptop schauen und sich darüber unterhalten.
Photo by @Tolu Bamwo from nappy.co
Ein Schwarzer Arzt, der an einem weißen Patienten den Blutdruck misst.
Photo by @Tolu Bamwo from nappy.co

Unsere Gesellschaft orientiert sich in vielfacher Hinsicht an der Mittelklasse. Bildung, Unterhaltung, Sprache oder Medien sind von einem bestimmten Habitus ( Art des Auftretens und Benehmens) oder Besitz geprägt. Die Zugehörigkeit zur Mittelschicht gilt als erstrebenswert und durch Leistung erreichbar.

Journalist:in ist mehrheitlich ein Beruf der Mittelschicht. In Redaktionen arbeiten selten Personen, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft diskriminiert werden. So können Menschen mit Klassismuserfahrungen kaum über die Inhalte der Medien mitentscheiden. Ihre Themen und Realitäten werden so „unsichtbar“. Unbewusst schreiben und filmen wir unsere (oft also privilegierte) soziale Herkunft in unser Medium mit hinein. Zugangsbarrieren zu vielen Berufsfeldern führen also langfristig zur Reproduktion von Machtgefällen und Abwertung. Durch ein geschärftes Bewusstsein und eine veränderte Einstellungspolitik kann diesem aktiv entgegengewirkt werden.

Schweigen über Klassismus in Deutschland

Video abspielen
CC-Lizenz: BY-ND

Lizenz: CC BY-ND Namensnennung, keine Bearbeitung; Video von: Team Diversify! für Diversify! Webseite für diversitätsbewusste Mediengestaltung

Videoaufnahme: November 2018

„Einer der Gründe für das Schweigen über Klassismus ist sicherlich das Tabu über Geld zu sprechen. Oft wird auf die Fragen: „Was verdienst du?“, „Erbst du?“, „Was hat die Wohnung gekostet?“ oder „Was zahlst du Miete?“, ausgewichen“ sagt Nenad Čupić.

Tanja Abou ist Social Justice Trainerin und Sozialarbeiterin und Nenad Čupić ist Trainer und Berater für Antidiskriminierung. In diesem Interview besprechen die beiden Gründe für das Schweigen über Klassismus in Deutschland. Einerseits geht es um Tabus und andrerseits um die systemstabilisierende Abwertung von Obdachlosen.

Ich und Klassismus,
Klassismus und ich

Menschen berichten vielfach von respektlosen Begegnungen und abwertenden Bezeichnungen aufgrund ihrer sozialen Herkunft. Daher ist eine klassismussensible Haltung und ein Bewusstsein über die eigene Position wichtig.

Wo stehe ich in Bezug auf Klassismus?

Wir laden dich mit folgenden Fragen ein, deine gesellschaftliche Position im System des Klassismus zu reflektieren. Der Selbsttest kann die Realität nie vollständig abbilden und das Ergebnis ist als Tendenz zu verstehen. Es geht in diesem Test nicht darum, dass wir dich bewerten – das tut die Gesellschaft durch klassistische Normen und Werte. Wir bieten dir dieses Tool an, damit du für dich besser einschätzen kannst, wo du stehst. Unsere Hoffnung ist, dass es dir dabei hilft, einen guten und bewussten Umgang für deine Medienpraxis und darüber hinaus zu entwickeln.

Auch Zeit Online stellt einen Test zur Verfügung, um damit besser einschätzen zu können: Wie wohlhabend bin ich eigentlich? Folge dazu dem Link:

Soziale Ungleichheit: Wie wohlhabend sind Sie?

Ich werde durch Klassismus privilegiert.
Wie kann ich mich
klassismussensibel verhalten?

Photo by Mostafa Meraji on Unsplash

Um klassismussensibel zu handeln und solidarisch mit Klassismusbetroffenen sein zu können, ist es wichtig die eigene Position zu hinterfragen. Hier einige Ideen, was du konkret tun kannst:

Wie kann ich es vermeiden Klassismus zu reproduzieren?

Hier findest du eine Checkliste, die dich dich unterstützen kann, deine Medienarbeit klassismussensibel zu gestalten.

Ich werde aufgrund meiner
sozialen Herkunft diskriminiert.
Was kann ich tun?

Ein Schwarzer junger Schlüsselmacher arbeitet an einer Schlüsselmaschine in seiner Werkstatt
Photo by @Criacaio from nappy.com

Wenn du selbst von Klassismus und sozialer Diskriminierung betroffen bist, verbünde dich mit anderen Betroffenen und empowert euch!

Weiter zu Sprache

Erfahre, wie sich Klassismus sprachlich manifestiert, und wie du selbst klassismussensibel formulieren kannst.